Dienstag, 31. August 2010

Hotte

So gut habe ich ihn nicht gekannt. Wenn ich ihn gestern Abend gesehen hätte, wenn er zum Beispiel vor dem Inder gesessen hätte in der Akazienstraße, wo ich ihn zum letzten Mal getroffen habe mit seiner Frau, und ich wäre wieder ins Gespräch gekommen mit den beiden wie damals, ich hätte nicht gewusst,  wie ich ihn anreden soll. Von der Lucia hätte ich den Namen gewusst, von ihm nicht. Aber als der Roland gestern zu mir sagte, der Hotte ist tot – da wusste ich sofort, wer das ist, und ich habe ihn vor mir gesehen, wie er da saß vor vierzehn Tagen: etwas spitz um die Nase und noch immer nicht über den Schreck hinweg, den ihm die Prostatakrebs-Diagnose eingejagt hatte. Doch die Operation war gut verlaufen. Es war ein gelungener Fall von Früherkennung. Was das trotzdem bedeutet für einen Mann, eine Prostatakrebs-Operation, jeder weiß es, da muss man nicht darüber reden, kommt auch drauf an, wie operiert wurde, kann man jedenfalls mit umgehen und mit leben, einer wie der Hotte allemal. Was der Sohn macht, habe ich dann noch gefragt. – Gut, sehr gut, alles gut, sagte Lucia. Und Hotte meinte, naja, es gäbe da schon noch ein paar Unebenheiten – oder so, weiß das Wort nicht mehr, das er gebrauchte -, aber die, sagte er, die würde er ihm auch noch austreiben. - So haben wir uns kennengelernt und so habe ich ihn in Erinnerung, den Hotte, von den Gesprächen über seinen Sohn. Vor Jahren im Romantica war das, als der Sohn gerade seine Ausbildung geschmissen hatte und in so eine Art Untergrund reingeraten war - eine Banden-Welt von Jugendlichen, die es gibt oder damals gab hier im Kiez, und die kriegt man gar nicht mit, wenn man als Erwachsener hier lebt, es sei denn, man hat einen Sohn, der da reinrutscht. Halb ungläubig, halb fasziniert habe ich mir das angehört, als Hotte erzählt hat, was da läuft in unserer Nachbarschaft – sozusagen vor unseren Augen, aber wir sehen es nicht. Doch am meisten war  ich beeindruckt davon, wie Hotte um seinen Sohn – keine Übertreibung – gekämpft hat. Dazu habe ich ihm immer wieder Mut zugesprochen in unseren Gesprächen. Das war das einzige, was ich dazu sagen konnte. Aber es war gar nicht nötig, ihn zu ermutigen, Der war wie ein Terrier als Vater. Der hat den Sohn nicht fallen lassen. Und als ich einige Zeit später, nachdem ich aufgehört hatte, ins Romantica zu gehen, mal Lucia am Barbarossaplatz traf, da kam sie gerade von ihrem Sohn, der in der Nähe inzwischen eine eigene kleine Wohnung hatte, und – ganz stolze Mutter - erzählte sie, dass der Sohn sich gefangen hat. - Am vergangenen Samstag, am Vormittag, hatte Hotte Halsschmerzen oder Atemnot oder beides, so genau wusste Roland es auch nicht. Nur, dass Hotte deswegen, begleitet von Lucia, ins Auguste-Victoria-Krankenhaus gefahren ist mit dem Auto - selbst gefahren, also so elend kann es ihm da noch nicht gegangen sein. Im Krankenhaus haben sie ihm eine Spritze gegeben, und als die Symptome nicht abklangen, noch eine. Die hat auch nicht geholfen. Es ging ihm immer schlechter und dann, so Roland, "war er auf einmal weg", bewusstlos. Sie haben ihn auf die Intensivstation gebracht und da ist er kurz darauf gestorben. – Woran? Warum? Roland weiß es nicht. Lucia weiß es auch nicht. Die Ärzte haben ihr nichts gesagt. Vielleicht wissen sie es selbst nicht. Roland will jetzt Lucia dazu bringen, dass sie eine Untersuchung der Todesursache veranlasst, um die Klinik  „gegebenenfalls“ zu verklagen. Weil da geht es ja nicht nur um diesen Fall, sondern um die "Fehler-Kultur" in den Krankenhäusern, die immer wieder beschworene, sagt Roland. Und dazu kann ich nur sagen: Roland, jetzt hör doch mal auf, mir so ein nerviges Zeug zu erzählen. Können wir nicht über den Hotte reden? – Roland hört auf damit und wir reden über Hotte und dann über Lucia und den Sohn - und dass der jetzt hoffentlich so für seine Mutter da ist, wie sein Vater für ihn da war, als es galt. - Hotte war ein kleiner stämmiger Mann mit einem drahtigen Haarschnitt und weichen, glatten Gesichtszügen. Ich habe immer angenommen, dass er jünger ist als ich. Von Roland habe ich jetzt erfahren, dass er vier Jahre älter war. Jahrgang 1948. 

Montag, 30. August 2010

Scheu

Montag ist immer der Tag der Klagen und Verbitterung im Schreiben an die Tess gewesen - nachdem es am Wochenende wieder nicht geklappt hatte mit uns. Jetzt keine Erwartung, keine Enttäuschung mehr. - Die "Mimik" der Dachwohnung gegenüber unklar. Neuer Zeichensatz? Oder hat es nichts zu bedeuten, was ich sehe? Wenn ich es nicht konsequent verfolge und interpretiere, was drüben vorgeht, ist es besser gar nicht hin zu gucken. Sonst keine Chance, die Zeichen zu deuten. Also lieber gar nicht hin gucken. Schwer. Anscheinend sind Gäste in der Wohnung. Könnte sein, dass die Tess weg ist. Im Urlaub mit ihrem Vermieter. Scheußliche Vorstellung. Wird auch nicht erträglicher durch die Albernheiten des Kindes. Flatmate mit Steckkontakt, singt das Kind vor sich hin: Fl-a-tm-a-te mit Steckkont-a-kt. - Fl-a-tm-a-te mit Steckkont-a-kt!  - Fl-a-tm-a-te mit Steckkont-a-kt. Letzte Woche noch amüsant der Singsang, mittlerweile: Halt den Rand, Kind! - Kannte mal eine Frau, die so Spaß an dem Wort Steckkontakt  hatte (Begriff aus der Elektrotechnik). Das Kind merkt sich alles. – Erinnerung an einen Montag im Frühling. Um die Mittagszeit kurz raus, zur Apotheke, um die Apothekerin was zu fragen (die Sache mit dem Wurm). Als ich aus dem Haus komme, steht die Tess auf der anderen Straßenseite in der Einfahrt mit Klamotten in Plastikfolie, die sie gerade aus der Reinigung geholt hat. Sie im kurzen grauen Rock, schwarze Strümpfe, schwarze Jacke. Sie schaut zu mir her, lächelt, was bei der Tess ja schon mal was ist, und winkt mir dann auch noch zu, was sie noch nie gemacht hatte. Ich strahle und winke zurück. Wir verharren so einen Moment, dann dreht sie sich um, geht in die Einfahrt hinein - und ich ihr nicht hinterher, sondern außer mir vor Glück zur Apotheke, um mit der Apothekerin die Wurm-Sache zu besprechen und ihr zu diesem Zweck zu zeigen, was ich in dem Tütchen in meiner Hand habe, das ich vorbereitet hatte für das Gespräch mit ihr. – Letzte Woche immer wieder mich erinnert daran, wie die Tess da auf der anderen Straßenseite stand und mir zugewinkt hat und ich nicht rüber gegangen bin zu ihr. Wegen des Tütchens in der Hand ja wohl nicht; das hätte ich wegstecken können. Also weil ich dachte, dass sie gar nicht wollte, dass ich zu ihr hingehe, dass sie mir nur zuwinken wollte? So seltsam ist nicht mal die Tess. So seltsam bin nur ich. Weil ich eigentlich Angst habe vor Frauen? Weil ich und das Kind, wir uns fürchten vor fremden Frauen, nach denen wir verrückt sind? Weil wir uns fürchten vor Frauen, insbesondere vor jungen fremden Frauen, mit denen wir uns schon alles mögliche ausgemalt haben in unserer Sehnsucht nach ihnen? Oder weil wir uns überhaupt fürchten vor Frauen? Inzwischen? Im Grunde schon immer? – Mal nicht übertreiben. Unsere besten Freunde sind Frauen. Auch bei fremden Frauen, wenn wir erst mal im Gespräch sind mit ihnen – weil sprechen ist wichtig für uns, sehr wichtig –, da haben wir nicht mehr die geringste Scheu. Und wenn sie uns ihre Telefonnummer geben und uns dabei in die Augen schauen oder den Arm um uns legen und uns ins Ohr flüstern, lass uns doch mal wieder Steckkontakt haben – na ja, dann ist ja leicht, da kann ja jeder. Schwierig, unmöglich wird es allerdings, wenn wir das Gefühl haben, dass wir gar nicht gemeint sein können, und wir uns wie ein Hochstapler vorkommen wegen der Erwartungen, die wir geweckt haben und nicht erfüllen können. Da geraten wir so in Panik, dass wir gar nicht auf die Idee kommen heraus zu finden, ob wir vielleicht doch gemeint sind und uns das mit den unerfüllbaren Erwartungen etwa nur einbilden. Doch wäre ich nicht geflüchtet nach der Beerdigung in Kreuzberg, hätte ich die Geschichte mit der Tess vielleicht nie erlebt. Dann wäre die Tess immer nur die Frau mit der erhabenen Kopfhaltung beim Brustschwimmen geblieben. Damals habe ich die Tess nämlich schon gesehen, zwei, dreimal die Woche im Hallenbad. – Die Kopfhaltung der Tess beim Brustschwimmen. Der Anfang alles Tessigen.

Sonntag, 29. August 2010

Humbug

Wegen des Herbstwetters nicht nach Kreuzberg mit dem Fahrrad und im Moviemento Enter the Void angeguckt. Deshalb auch nicht auf dem Rückweg bei Peter vorbei, der einen zweiten Versuch mit meinem Gesicht machen wollte, dieses Mal mit seiner Spiegelreflexkamera, einer digitalen. Ihn angerufen, abgesagt. Ihn bei der Gelegenheit gefragt, was er über die Sarrazin-Debatte denkt. Der hat in allem recht, sagt Peter. Der kommt nur so verkniffen rüber, weil er von einem Schlaganfall eine Gesichtslähmung hat. – Ich weise darauf hin, dass ich nicht fernsehe und deshalb immer nur lese, was der Sarrazin raushaut, und das auch schlimm finde, ohne dass ich seine Gesichtslähmung dabei sehe. Ganz egal, womit er im einzelnen recht hat, im Ganzen ist er ein Hassprediger. Und ein schäbiger Charakter ist er außerdem noch, weil er immer nur auf kleine Leute losgeht. – Der Peter hört sich das an und beruft sich dann auf den Henryk Broder, der dem Sarrazin zugestimmt hat in einem Artikel im Spiegel oder in SPON. – Ich sage, der Broder ist auch ein Hassprediger, allerdings ein lustiger Hassprediger. Der Peter sagt: Ich mag den Broder. – Ich sage: Ich mag den Broder auch. Weil er Humor hat. Was vielleicht daran liegt, dass er das jüdische Gen hat, von dem der Sarrazin behauptet, dass es das gibt, und daraufhin haben sich die üblichen Aufgeregten wie Westerwelle und Friedmann darüber aufgeregt. Wobei mich nur gewundert hat, dass unter den üblichen Aufgeregten dieses Mal auch der Baron Guttenberg gewesen sein soll, der mir bisher immer so klischeefrei vorgekommen ist. - Darüber wollte ich eigentlich heute schreiben: über die Behauptung,, dass es ein Gen geben soll, das Juden genetisch als Juden markiert, und über die Rassismus-Aufgeregtheit darüber, die sterile, und dann wollte ich darauf hinweisen, dass es eine Firma Igenea gibt, die einen Test anbietet, von dem sie behaupten, dass man damit feststellen kann, ob man jüdische Vorfahren hat. Außerdem wollte ich darauf hinweisen, dass es letztes Jahr - oder war es vorletztes - mal eine Berichterstattung gegeben hat quer durch die deutsche Presse, dass jeder zehnte Deutsche jüdische Vorfahren hat, wie durch Genanalysen nachgewiesen worden sei. Deshalb wollte ich darauf hinweisen, weil sich damals niemand, kein Westerwelle, kein Friedmann, kein Baron Guttenberg, wegen Rassismus aufgeregt hat, den es bedeutet, wenn man unterstellt, es gäbe chromosomale Besonderheiten bei Menschen jüdischer Herkunft. Als ich mir das im Internet alles noch mal angeschaut habe, ist mir klar geworden, dass hinter der Berichterstatung, wonach jeder zehnte Deutsche jüdische Wurzeln hat, wahrscheinlich die Firma Igenea gesteckt hat, und dass das eine Marketing-Aktion von denen war, das zu lancieren, in der Hoffnung, dass es genug dumme Deutsche gibt, die sich jetzt Gentests bei Igenea kaufen. Beim  Recherchieren habe ich einen Artikel des Berliner Rabbis Nachama gefunden, der dafür plädiert, dass das Oberrabinat in Israel endlich Gentests als Beleg für Jüdischkeit anerkennen und nicht immer so pingelig weiter auf dem halachischen Gesetz beharren soll, wonach als jüdisch anerkannt nur der werden darf, der eine jüdische Mutter hat oder die Mühsal einer Konversion auf sich nimmt. Über meine Google-Suchergebnisse bin ich von Nachama schließlich zum Blog Immer wieder Freitag gekommen, in dem sich einer nicht mehr einkriegt über den Nachama-Artikel in der Jüdischen Allgemeinen, wo das doch sonst eine der besten deutschen Wochenzeitungen sei, ganz "im Gegensatz zur Jüdischen Zeitung, deren Lektüre beim Leser übelste Kopfschmerzen verursacht". Autsch!  Der Autor hat sich gar nicht erst die Mühe gemacht, zu erklären, warum er das mit der chromosomalen Besonderheit jüdischer Menschen für "Bullshit" hält, weil er offenbar der Ansicht ist, dass dieser "Bullshit" als solcher jedem Leser seines Blogs sofort einleuchten muss. Da habe ich mich gefragt, in was für einen Diskurs bin ich da hinein geraten? Was geht mich das an? Und wie kann ich mein Blog von Humbug wie diesem frei halten?  – Doch da war es schon zu spät. Da hatte sich der Humbug schon so breit gemacht in meinem Tag, dass ich nicht mehr darum herum gekommen bin, darauf einzugehen. - Und wie kann ich mein Blog von weiterem Humbug frei halten? - Indem ich bei dem Thema bleibe, das ich exklusiv habe: Ich und die kleine Welt um mich herum.

Samstag, 28. August 2010

Visitenkarte

Die Geschäftsanbahnung mit der TV-Produzentin ist auch ein Experiment mit dem Blog. Der Kontakt mit ihr kam zustande über einen gemeinsamen Bekannten. Er hat ihr von mir erzählt. Sie hatte schon mal gehört von mir, wollte mich kennenlernen.  Ich habe dem Freund gesagt, gib ihr meine Kommunikationsdaten und dazu die Adresse meines Blogs. Der ist ab jetzt meine Visitenkarte. Da kann sie sehen, wie ich schreibe und wie ich drauf bin, wo ich stehe im Geschäft (zur Zeit draußen), wo ich hin will und was mich alles nicht interessiert. Als wir uns trafen, hat sie mich nicht auf das Blog angesprochen. Einziger Hinweis, dass sie es gelesen haben könnte. als sie erwähnte, dass sie gerade eine Zeit hinter sich hat, in der sie eine persönliche Krise mit der Branche (TV-Industrie) hatte. Wie ich auch, obwohl ich dann doch gerne wieder arbeiten möchte fürs Fernsehen, weil das immer noch die erste Wahl ist in Deutschland, wenn man Filme schreiben will, die auch bald mal realisiert werden, und weil man in der TV-Branche immer wieder Leute trifft, die einem was Neues erzählen und mit denen man wohin kommen kann, wo man noch nicht war, schreiberisch. Die Produzentin stand für mich nach dem ersten Gespräch im Verdacht, so jemand zu sein. Ich habe ihr gesagt, dass ich am besten bin, wenn man mir ein Thema vorgibt, auf das ich selbst nie gekommen wäre. Als Beispiel dafür habe ich ihr ein Briefing genannt, das ich einmal von Kerstin Wiedé von SAT1 bekommen habe: Schreibe einen Film im Stil der britischen Sozialkomödien der 90er Jahre, in dem eine Frau arbeitslos wird und daraufhin “etwas politisch Unkorrektes” tut.  Daraus wurde das TV-Movie Liebe auf Kredit. - Die Produzentin und ich verblieben so, dass sie sich was überlegen will und ich auch, und wir uns eine Woche später wieder treffen. Nach einer Woche habe ich mich gemeldet. Sie hat geanwortet, sie ist noch nicht so weit; sie braucht noch eine weitere Woche wegen was Unternehmenstechnischem, das sie gerade laufen hat. Woche vorbei. Gestern habe ich sie angerufen. Anrufbeantworter. Ich würde mich freuen, wenn sie zurück ruft, weil ich würde dann gerne auch mal wissen, woran ich bin. – Noch keine Reaktion. Kann alles heißen. Was mir mein Gefühl sagt, lasse ich mal weg. – In der Zwischenzeit konnte sie im Blog lesen, wenn sie gelesen hat, was ich mir überlegt habe für sie. Und sie hat mitgekriegt, dass ich über das Treffen mit ihr geschrieben habe. Dabei sie anonymisiert. Inhalt ihres Briefings nur angedeutet. Gefiltert also. Aber immerhin, Stillschweigen ist das nicht. Das kann ihr schon missfallen haben. Und dass ich damit angefangen habe, meine Plotentwicklung ins Schaufenster zu stellen, das könnte ihr auch nicht recht sein. Nun kann ich die Plotentwicklung auch wieder aus dem Schaufenster rausnehmen, wenn sie sagt, die will ich haben, aber zu den und den Bedingungen und eine ist: raus aus dem Schaufenster.  Oder sie kann sagen: Das nicht, aber anderes und das dann bitte nicht ins Schaufenster stellen. Kann alles sein.  Wenn wir im Gespräch bleiben. – Bleiben wir nicht im Gespräch, bin ich mal gespannt, was der Grund dafür ist und ob sie ihn mir sagen wird oder ob sie jetzt einfach nur nicht mehr erreichbar ist für mich. Nächste Frage ist dann: Wie gehe ich damit  hier im Blog um, wenn es nicht weiter gehen sollte, wenn es vielleicht sogar deshalb nicht weitergehen sollte, weil ihr das nicht gefällt, dass ich mich hier über unsere “Angelegenheiten” geäußert habe? - Filtern werde ich es auf jeden Fall. Persönliche Eindrücke werde ich bestimmt nicht preisgeben oder wenn, dann nur so das sie nicht zuzuordnen sind. Ich will ja auch noch mit anderen Leuten Geschäfte machen. Und die müssen zwar hinnehmen, dass ich aus meinem Anteil an den Geschäften hier kein Geheimnis mache, weil ich hier nun mal mein Leben veröffentliche und die Geschäfte ein Teil meines Lebens sind, wenn auch leider nur ein sehr, sehr kleiner. Aber sie können sicher sein, dass ich mit ihrem Anteil diskret umgehe. - Das noch: Schade ich mir nicht damit, wenn ich Geschäftspartnern so viel Persönliches preisgebe, wie ich das hier im Blog tue? – Antwort so entschieden, dass es mich gerade selbst wundert: Ich würde mir damit schaden, mit Leuten Geschäfte zu machen, bei denen ich das nicht tun kann.

Freitag, 27. August 2010

Kroll

Aufs nahegelegene Polizeirevier gehen. Einbruch-Dezernat. Mit den Experten dort besprechen, was man machen kann, wenn der Hauseigentümer nichts unternimmt gegen eine Tag und Nacht unverschlossene Haustür, und das schon die ganze Woche nicht. - Ich meine, Herr Kroll, wir leben doch nicht auf einer Insel der Seligen. – Herr Kroll rutscht auf dem Stuhl hin und her. Doch statt sich zu kratzen, greift er in die Haribo-Tüte auf seinem Schreibtisch und bevor er sich eine Handvoll Goldbären in den Mund schiebt, fragt er mich, ob ich einen Diebstahl melden möchte. – Zum Glück nicht, sage ich. Noch nicht. Aber wer weiß, vielleicht in diesem Moment, in dem ich hier sitze, brechen sie meine Wohnungstür auf, weil kann ja jeder gerade so rein in das Haus, steht ja Tag und Nacht die Haustür offen. Die Penner, ich meine die Obdachlosen, übernachten da schon in unserem Treppenhaus. Klar, kann ich verstehen bei dem scheußlichen Regenwetter, aber wäre Ihnen das recht, wenn bei Ihnen im Haus ... – Es ist also nicht bei Ihnen eingebrochen worden? – Nein, ich möchte nur, dass falls – falls bei mir eingebrochen wird, dass das amtlich ist, dass Sie als Polizei, dass Sie wissen, dass die verdammte Haustür offen  gestanden hat. Die Hausverwaltung, der Eigentümer, in unserem Fall in Personalunion, der Hauseigentümer ist auch der Hausverwalter, ich meine, die lachen doch nicht mal, wenn ich ankomme und sage, das und das und das ist mir geklaut worden und ihr seid für den Schaden verantwortlich, weil ihr nicht die Haustür gesichert habt, also dafür gesorgt habt, dass die verschlossen ist. – Wieder rutscht Herr Kroll auf dem Stuhl hin und her und schaut mich dabei an mit dem gequälten Blick eines nikotinentwöhnten Hämorrhoiden-Patienten … . Ende. Ich lasse den Rest des Textes weg, in dem es noch eine ganze Weile munter so weiter geht mit meiner Gesprächigkeit und damit, dass Herr Kroll sich gerne kratzen würde, sich diese Erleichterung aber erst dann verschaffen will, wenn ich das Zimmer verlassen habe. - Was ist passiert? Ich habe mich geärgert über die Hausverwaltung und mir die im Gespräch mit Kroll genannten Gedanken gemacht. Im Text, den ich darüber geschrieben habe, gab es auch die Idee, dass ich zur Polizei gehen könnte, um mit ihr den Fall zu besprechen. Einfach auch,  um nicht alleine zu sein mit meinen Sorgen. Das hatte ich mir für Samstag oder Montag vorgenommen und habe mich schon darauf gefreut. Nachdem ich den Text zu Ende geschrieben hatte, Titel Klage, weil es noch anderes zu beklagen gab, bin ich einkaufen gegangen, und als ich zurück kam (gegen 18 Uhr 20), war die Haustür plötzlich wieder verschlossen. Irgendwer, vermutlich ein von der Hausverwaltung geschickter Handwerker, hatte sie repariert. Na, endlich! Doch meinen Text konnte ich nun vergessen und meinen Auftritt auf dem nahen Polizeirevier auch. Da ich mich damit nicht abfinden wollte und mir das auch als die beste Art erschien, um darzustellen, was ich mir "immer so" für Gedanken mache, habe ich mir dann meinen Auftritt auf dem Polizeirevier ausgemalt – und plötzlich saß mir der Herr Kroll gegenüber. Herr Kroll ist eine Kultfigur von mir, die immer dann auftaucht, wenn in meiner Phantasie die Polizei kommt. Das Erscheinen von Herrn Kroll hat mich so entzückt, dass ich gar nicht gleich gemerkt habe: a) dass Fiktion hier nicht rein passt und b) wenn schon, dann bitte so, dass es auch los geht, wozu mir aber die Kraft fehlte, weil es schon mein zweiter Textanlauf war und c) dann bitte nicht so selbstbezogen, dass es nur die paar Leute verstehen können, die wissen, wer Herr Kroll ist. Damit gut und morgen dann wieder alles ganz real und echt. 

Donnerstag, 26. August 2010

Kulturen

Im großen türkischen Supermarkt in der Hauptstraße. Situation an der Kasse. Ich bin dran. An der Kasse sitzt heute die junge Frau, die aussieht wie ein Mädchen vom Lande, das schon länger in der Stadt lebt; sie hat ein dezentes Nasenpiercing. Der große Mann hinter mir kaut Mandeln. Er hält der Kassiererin die Tüte mit den Mandeln hin, um ihr welche anzubieten. Sie lehnt ab: Wir fasten, sagt sie. – Ich faste auch, sagt er. Aber heute nicht. – Warum nicht, fragt die Kassiererin streng. – Weil ich Medikamente nehmen muss, antwortet der Mann. – Hediye hat mir mal erzählt, dass der Besitzer des Supermarkts gläubiger Moslem ist. In dem ganzen riesigen Supermarkt gibt es keinen Raki, keinen Wein, null Alkohol. Der Besitzer springt manchmal ein an der Kasse. Wir haben uns schon häufiger gesehen. Gestern schaut er mich so an, dass ich spontan grüße. Er grüßt nicht zurück und hinterher bin ich unentschieden, ob ich mir deswegen blöd vorkommen soll. - Einer der Obst- und Gemüseverkäufer lacht sich jedes Mal schief darüber, wie ich penibel die Pfirsiche befühle, bevor ich mich für einen entscheide; und das, obwohl ich nie mehr als zwei oder drei kaufe. Darüber haben wir schon ein paar Mal zusammen gelacht; er hat mir auch schon Pfirsiche rausgesucht. Aber sobald eine Landsfrau oder ein Landsmann von ihm in seiner Nähe auftaucht, bricht er das Gespräch mit mir abrupt ab, um sich ihr oder ihm zuzuwenden. – Der Besitzer des Tabakwaren-Ladens neben dem Felsenkeller ist Hamburger. Wenn er einen anderen Hamburger erkennt, strahlt er, und man bekommt eine Vorstellung davon, wie freundlich er sein kann. Mir gegenüber ist er mürrisch. Das kommt auch daher, dass wir zweimal aneinander geraten sind. Ich habe mal versucht, unseren Umgang zu entkrampfen, indem ich sagte: Wir sind uns nicht grün. Das kommt vor. Aber wir müssen uns deswegen ja nicht hassen. - Es hat nichts genutzt. Einmal hat er zu mir gesagt, ich soll nicht so verdrießlich gucken. Darauf habe ich für ihn gelacht. Auch das hat nichts genutzt. Es ist jedes Mal ein sozialer Stress, wenn ich hier Zigaretten kaufe. Aber der Laden liegt nun mal auf meinem Rückweg, wenn ich Besorgungen in der Hauptstraße gemacht habe. Und in den Tabakwaren- und Zeitungsladen des schwäbischen Ex-Sanyassins weiter unten in der Akazienstraße gehe ich nicht mehr. Ich habe mal eine Frankfurter Rundschau vom Vortag gebraucht. Er hatte noch eine und hat dafür den vollen Preis verlangt. 1 Euro 50 für eine Zeitung von gestern. Zu Hause habe ich festgestellt, dass auf der Rückseite der Zeitung der Stempel des Gottlob war, des Bistros in der Nähe, das der schwäbische Ex-Sanyassin mit Zeitungen beliefert. Er hatte mir also 1 Euro 50 abgeknöpft für eine Zeitung vom Vortag, die er an einen Abonnenten ausgeliefert und tags darauf wieder zurück genommen, also entsorgt hatte. Seither rede ich mit ihm nur noch über Fußball. – Am liebsten kaufe ich meine Zigaretten in dem Laden Ecke Eisenacher/Grunewaldstraße. Inzwischen weiß ich sogar, wie die beiden Brüder heißen, denen der Laden gehört: Sülo und Sinan. Den jüngeren, Sinan, rede ich manchmal mit seinem Namen an und er redet mich manchmal mit meinem an. Mit dem älteren Bruder ist diese Vertrautheit nicht entstanden. Trotzdem ist es gemessen am Umgang mit dem Hamburger eine einzige Freude mit ihm zu tun zu haben. – Bei den beiden Brüdern komme ich vorbei, wenn ich bei Aldi oder Penny Markt auf der Ecke Grunewald-/Martin-Luther-Straße einkaufen war. Bei Penny ist es nach mehreren Jahren jetzt so, dass die Frauen, die hier arbeiten, eine verhaltene Freundlichkeit mir gegenüber zeigen. Wenn sie einen guten Tag haben, sagen sie sogar Hallo. Bei Aldi kann ich wahrscheinlich noch 30 Jahre einkaufen und die gleichen Frauen werden immer noch die gleichen verschlossenen Mienen machen, wenn ich den Laden betrete. Da ich hier wie dort gleich auftrete, und das Personal hier wie dort deutschstämmig ist, scheint es einen Unterschied in der Unternehmenskultur von Aldi und Penny zu geben, der sich unter anderem im Grußverhalten auswirkt. - Der bestgeführte Supermarkt, den ich kennengelernt habe, war der Edeka-Laden in der Gleditschstraße. Inzwischen ist er nicht mehr ganz so gut geführt. Wohl auch deshalb, weil dort inzwischen in der Mehrzahl Menschen arbeiten, die ich mal Arbeitsagentursklaven nenne. Schlecht bezahlt, perspektivlos, bei Fragen eines Kunden in der Regel überfordert, weil nicht vom Fach, aber trotzdem zugänglich und hilfsbereit. Mit einem von ihnen, einem jungen Türken, bin ich mal ins Gespräch gekommen. Ein andermal fragte ich ihn, ob sie Chips für die Einkaufwagen hätten, da ich meinen Chip verloren hatte. - Er konnte mir nicht weiterhelfen. Sie hatten mal welche. Jetzt nicht mehr. - Zwei Wochen später bemerkt er mich, kommt auf mich zu, greift in die Tasche seines Kittels und hält mir einen Einkaufswagen-Chip vor die Nase. Den hatte er in einem anderem Supermarkt bekommen und für mich aufgehoben. Ich konnte es nicht fassen. Ich kann es immer noch nicht fassen. Neuerdings trägt er Krawatte. Ich nehme an, er will damit Leistungsbereitschaft signalisieren. Die Arbeitsagentursklaven sind immer nur zwei Jahre bei Edeka beschäftigt und ihre Chance, danach fest angestellt zu werden, ist gering. Jedes Mal, wenn ich den jungen Türken mit der Krawatte sehe, wünsche ich ihm im Stillen, dass er es schaffen wird übernommen zu werden. Darüber, dass er mich mittlerweile nicht mehr grüßt, mache ich mir weiter keine Gedanken. Das kann sich auch wieder ändern.

Mittwoch, 25. August 2010

Schreck

Douglas Coupland. Schreck in der Morgenstunde. Was war? – FAZ.NET:  Der neue Coupland: Zurück aus der Zukunft. - Der Schreck: Das Porträt des  Künstlers. Ich bin entsetzt von meinem Foto-Aussehen? Was soll er da erst sagen? – Er ist wahrscheinlich ganz zufrieden mit sich und seinem Gesicht. Und in das Onkel-Sakko, das beige, glänzige, da werden sie ihn wohl kaum reingeprügelt haben. Das hat er sich ausgesucht. Neu, wie es aussieht, vielleicht sogar extra gekauft für den  Fototermin in der postmodernen Wohnanlage mit dem hübschen roten Schiff zwischen den zwei Häusern, das der Fotograf als Hintergrund  gewählt hat, vielleicht sogar auf Anregung des Autors. Douglas Coupland. Generation X. Tales for an Accelerated Culture habe ich gelesen von ihm und Microserfs, über Leute, die bei Microsoft arbeiten, und Girlfriend in a Coma, den Drogen-und-Vancouver-Roman, der nicht so richtig los geht, aber was für ein schöner Titel: Girlfriend in a Coma!  - Jetzt Generation A.  Zitat FAZ: Alle Bienen sind gestorben. Niemand weiß genau, warum. Nur so viel ist klar: Es ist die Folge irgendeines technischen Fortschritts. Bis plötzlich fünf Menschen an unterschiedlichen Orten der Welt von Bienen gestochen werden ... . Die Gestochenen sind: ein einsamer Nacktmähdrescherfahrer aus Kanada, ein singalesischer Callcenter-Angestellter eines amerikanischen Strickmodengeschäftes auf Sri Lanka, der im Internet Audiodateien von schweigenden Prominenten verkauft, ein verzweifelter Computerspielsüchtiger, dem gerade seine World-of-Warcraft-Identität entzogen wurde, und zwei weitere eigenwillige Weltbewohner. Was ist es, was sie verbindet? Und wenn man es herausfindet: Kehren dann die Bienen zurück? – Bei Nacktmähdrescher-fahrer werde ich unruhig. Bei Audiodateien von schweigenden Prominenten stöhne ich auf. Freue mich dann jedoch um so mehr über die treuherzige Formulierung des Rezensenten zwei weitere eigenwillige Weltbewohner und lese den Rest des Artikels quer. An zwei Stellen bleibe ich hängen. Zitat Roman: Mais ist ein gottverdammter Albtraum. Vor tausend Jahren war er bloß ein Grashalm mit einem einzigen lumpigen Samenkorn dran; heute ist er ein aufgeblähter, ellenlanger, buttriger Kohlenhydratdildo. Das muss man sich mal reintun: Maisstärkemoleküle sind anderthalb Kilometer lang. In den Siebzigern hat sich Big Corn ein paar neue Enzyme patentieren lassen, die diese Kilometer in eine Billion einzelner Fruktoseschnipsel zerhacken. Ein paar Jahre später sind diese frisch befreiten Fruktosemoleküle in die nationale Nahrungskette eingefallen. Zackbumm! Eine ganze Nation wird verfettet. - Wegen dieser Art von Text habe ich Coupland immer gerne gelesen.  Zivilisationskritik. Alarmismus.  Davon kann ich nicht genug kriegen. Zum Querlesen dann allerdings wieder die Sache mit dem Verlust der Individualität. Weiß ich schon, weiß ich. Doch dann merke ich auf. Zitat Roman: Blogs? Sorry, aber all diese Blogs und Vlogs oder was auch immer es da draußen gibt - die machen es doch bloß schwerer, einzigartig zu sein. Je mehr du von dir ausplauderst, desto gesichtsloser wirst du.“ - Ich denke nach. Es ist noch sehr früh am Tag. Ich denke langsam. Stimmt das? Kann man das sagen? Ist da was dran? – Kein Ergebnis. Entweder er ist schlauer als ich oder das ist Geblubbere. Ich entschließe mich zurückzugiften: Was hat Coupland dann angestellt, dass er so aussieht wie auf dem Foto? Was hat er gemacht mit seinem Gesicht, dass Volker Weidermann in gutem Glauben schreiben kann, Coupland ist 58 Jahre alt, da er doch erst 48 ist? Nach Auskunft von Wikipedia Deutsch sowie von Wikipedia English geboren am 30. Dezember 1961. Übrigens: Die Bienen sterben wirklich aus.

Dienstag, 24. August 2010

Verloren

Tess. Douglas Coupland. Oleg Ilyapour. Vater Perser. Mutter Russin. Er Berliner. Stoffladen in der Akazienstraße. Fichu. Malerische Erscheinung, wie er da mit weißer Joppe auf der Schwelle seines Ladeneingangs hockt. Seine Socken über die Hosenbeine gezogen. Birkenstock-Sandalen. Und über seine Schultern der Blick in das Innere des Ladens mit den Stoffen und den Knöpfen, die man sonst nirgendwo findet in der ganzen Stadt. Gott ist eine Amöbe. sagt er.  Kein Alkohol, keine Drogen sein Leben lang nicht. 67 Jahre alt, keine einzige Falte auf der Stirn. – Sie würde ich gerne mal kennenlernen, habe ich zu ihm gesagt, als ich vorhin an seinem Laden vorbeiging. – Wird ja auch Zeit, nach all den Jahren, antwortete er. Und schon ging es los mit den Kriminellen auf der Potse und ihren Frauen, die als Nutten gearbeitet haben, und der Kinderwagen stand irgendwo im Hauseingang. Und er, gerade mal 12 Jahre alt, immer dabei. Weil es ihn da hingezogen hat, weil die so menschlich waren, sagt er.  Und ich bin froh, dass ich endlich mit ihm im Gespräch bin. Als ich aus dem Haus ging, habe ich es mir vorgenommen: Heute spreche ich ihn an, wenn er alleine da sitzt.  Prompt hat es geklappt.  Nicht schlecht für einen Patienten, als der ich mich fühle zur Zeit. Wie ein Typ im Pyjama und mit offenem Bademantel und ausgelatschten Schlappen an den Füßen, der im Garten eines Krankenhauses herumgeht, fühle ich mich, wenn ich unterwegs bin auf der Straße. Auch schon wieder Ende des Bildes. Nur das. – Oleg Ilyapour. Demnächst Fortsetzung des Gesprächs, wenn er mir seinen Laden zeigt mit den "Stoffen aus sieben Jahrzehnten" und Knöpfen, die man sonst nirgendwo kriegt, nur bei ihm. –  Für Douglas Coupland reicht es jetzt nicht mehr. Schreck in der Morgenstunde war er.  Mehr vielleicht morgen. Jetzt nur noch: Tess, anders! Bitte! Anders! So geht es nicht mehr. So. Geht. Es. Nicht. Mehr. So gehen wir uns verloren.

Montag, 23. August 2010

Blick

Peter L. schickt erste Ergebnisse seiner Foto-Aufnahmen von gestern und ein Link zu YouTube, Clip mit Daniela Katzenberger, die ihm wichtig ist aus Gründen, die ich vielleicht noch verstehen werde. - Ich schreibe zurück: Katzenberger schau ich mir morgen an, jetzt erst mal zu mir: Heilige Scheiße, sehe ich alt und fertig aus. Und da wundere ich mich noch, dass die junge adlige Frau mich nicht will?! - Ist das die einzige Ausbeute, die Du hast? Ist Dir kein "gnädigerer" Blick gelungen? - Wenn nicht: Die leicht geschönte Variante, die mit dem Kürzel a, ist noch am "wahrscheinlichsten"; Variante a_pp ist zwar wünschenswerter, aber das geht dann auch leider stark ins Außerirdische. - Mensch, Peter, hast Du Fotos gelesen? - Hättest Du nicht einen ähnlich günstigen Eindruck von mir mitnehmen können wie ich in dem Text von uns? - Nimm es als Melancholie. Du kannst ja nichts für meine Fresse. - Was für ein Schock eben, die Bilder zu sehen!

Schaufenster

Das Sony macht wieder solche Zicken, dass ich gleich zum Rumpelstilzchen werde. Ich wechsle zum Samsung und während ich das tue, beschließe ich auch gleich noch, das mit Jakob der Lügner sein zu lassen. Zufällig gefundener Text von letztem Jahr – Inhaltsangabe der Jakob-Geschichte aus Moses 1; passend zum Thema Lügen, Beitrag auch zum Thema: Muster in einem Leben. Aber: Autor von Moses 1 bis 5 ist Gott (nach einer Überzeugung, mit der ich sympathisiere aus Gründen, die keine religiösen sind), und wenn du nicht gerade Bob Dylan (*) bist, dann lasse die Finger von Moses 1 bis 5. Außerdem ist der Jakob-der-Lügner-Text nicht vom Tag und passt deshalb auch gar nicht hierher. – Vom Tag heute ist: Dass ich keine Idee hatte, als ich heute die Datei öffnete, in der ich an einem Plot rumbaue, – dass es dann aber schon nach zwei Sätzen, die ich zum Reinkommen geschrieben habe, so was von losging, dass ich nur noch gestaunt habe. Thema war: Mal sehen, was passiert im zweiten Akt, im Hauptteil der Geschichte. Was für eine Geschichte? Wieder eine Familiengeschichte. Fast alle meine Geschichten sind - egal, worum es sonst noch geht - Familiengeschichten. Was daran liegt, dass ich selbst nur die kleine Familie habe, aus der ich komme, also keine eigene Familie gegründet habe. Sagt man das eigentlich noch: eine Familie gründen? – Gemeint ist, dass ich keine Kinder habe und kein Leben mit Kindern. Also male ich mir Leben mit Kindern aus, indem ich Kinder in meine Geschichten reinschreibe. Die kriege ich meist sehr lebendig hin. Was mit dem lebhaften Kindanteil in meiner Persönlichkeit zu tun hat (siehe Post von gestern). In dem Plot, an dem ich zur Zeit rumbaue, gibt es gleich eine ganze Kinderschar. Vier oder fünf Kinder. Ein gemeinsamer Vater, verschiedene Mütter, und die Kinder leben beim Vater. Heute habe ich mir mal die Kinder vorgestellt. Zwischen 7 und 17, drei Mädchen, zwei Jungs. Namen haben sie auch schon und von jedem der Kinder weiß ich seit heute Vormittag, wie sie sich zur Hauptperson verhalten. Die Hauptperson ist nicht der Vater, sondern das ist eine junge Frau, die im Augenblick noch Deborah heißt, und die kommt aus Kanada. Das hat allerdings nichts mit der Tess zu tun, obwohl nicht auszuschließen ist, dass sie auch aus Kanada kommt und nicht aus USA, denn gesichert ist nur, dass sie Nordamerikanerin ist. Dass Deborah aus Kanada kommt, das hat zu tun mit dem Briefing der TV-Produzentin, der ich diese Geschichte anbieten werde - wenn sie sich wieder meldet und wenn wir noch mal über Geld gesprochen haben. Sollten wir nicht ins Geschäft kommen miteinander, weil sie mein Plotansatz vielleicht auch gar nicht interessiert, werde ich ihn trotzdem weiter verfolgen. Weil sich inzwischen nämlich herausgestellt hat, dass Deborah die junge Frau ist, mit der ich das Cinderella 0-Erlebnis auf dem Friedhof in Kreuzberg hatte. Als nächstes hat sich dann gezeigt, dass die Geschichte mit eben diesem Friedhof-Erlebnis, also einer Beerdigung anfangen wird, bei der eine junge Frau und ein älterer Mann so auf einander aufmerksam werden, dass sie sich gar nicht mehr auf den traurigen Anlass konzentrieren können, was die junge Frau nicht weiter zu stören scheint, den älteren Mann aber völlig durcheinander bringt. Womit ich nun endlich einen Weg gefunden habe, die Cinderella 0-Geschichte zu erzählen - als das, was sie ist: eine Komödie. In der Wirklichkeit nur eine Bewusstseinskomödie, denn weitere Fakten haben sich nach der Beerdigung nicht mehr ergeben. Nun aber in der Fiktion mit Deborah und Carl, dem Vater der zahlreichen Kinder, geht es nach der Beerdigung erst richtig los. Wenn das alles klappt, wird das ab jetzt "mehr oder weniger" mein Leben sein, diesen Plot auszuspinnen. Deshalb überlege ich mir, ob ich mal ein Experiment machen  und das Plotten hier oder in Das alte Biest bloggen soll. Das eben war der erste Versuch. Ob ich ihn fortsetze, hängt auch davon ab, ob sich die TV-Produzentin meldet, ob sie die Geschichte haben will und wenn ja, was sie zu dem Experiment meint. Angst vor Ideenklau habe ich jedenfalls nicht, wenn ich hier meine Plotentwicklung sozusagen ins Schaufenster stelle. Denn so schwer verkaufbar meine Geschichten sind, so schwer klaubar sind sie auch.
(*) Oh God said to Abraham, “Kill me a son” / Abe says, “Man, you must be puttin’ me on” / God say, “No.” Abe say, “What?” /  God say, “You can do what you want Abe, but / The next time you see me comin’ you better run” / Well Abe says, “Where do you want this killin’ done?” / God says, “Out on Highway 61”

Sonntag, 22. August 2010

Fotos

Weiß auch nicht, was sie noch will. Hör auf, Dir den Kopf zu zerbrechen, Kind! Geh spielen! Geh! Spiel! – Mit dem Peter. Im Gartenlokal. Peter L. Gartenlokal in der Nähe der Blücherstraße. Fotos machen von mir. Damit ich hier endlich mal eines reinstellen kann. Ein besseres als das Foto auf meiner Facebook-Seite. Aber nicht zu schön, Peter, nicht zu viel Photoshop. - Der Peter ist die Kamera nicht gewohnt. Kamera von seinem Sohn, dem er seine gegeben hat für den Urlaub in Spanien. Bleib mal so! – So? – Ja. - Der Denker von Rodin. Meinst Du, das ist es? – Nur mal ausprobieren. Du bist nicht leicht zu fotografieren. – Das auch noch. Über Lügen wollte ich mit Peter reden. Er hat mich überhaupt auf das Thema gebracht, als er neulich so nachdrücklich sagte: Ich lüge nicht! – Jetzt merke ich, da gibt es im Moment nichts zu besprechen, das verfolge ich besser erst mal alleine (Fortsetzung folgt: Jakob der Lügner). – Lass uns lieber über das innere Kind reden. – Inneres Kind? – Das Kind in dir. Es darf nicht vernachlässigt, soll zugelassen, auf jeden Fall gehört werden. Oder es soll endlich erwachsen werden. Oder es ist einfach nur so eine Idee. Pop-Psychologie. – Aha. Peter L. ist Sozialarbeiter. 30 Jahre lang HIV-positive Obdachlose, die gerade einen Heroin-Entzug hinter sich haben und jetzt eine Wohnung brauchen und Arbeit oder Stütze. So was wie inneres Kind kommt da nicht vor. Da herrscht eine andere Psychologie. Das verstehe ich und höre auf, bevor ich mich lächerlich mache. An anderen Themen mit dem Peter sowieso kein Mangel. Gedankenflucht zu zweit. Die Gedanken fliegen lassen. Wir können das. Auch schon seit mehr als 30 Jahren. Am Ende über Marilyn Monroe. Unterbrochen vom sehr liebenswürdigen Kellner, als wir zahlen und uns einen Spaß daraus machen, mit ihm zu flirten. Wir erfahren, Kellner ist 26 Jahre alt und macht ab kommendem Mittwoch das Abitur nach. Wenn es uns Ernst gewesen wäre, hätten wir auch noch seine Telefonnummer gekriegt und uns hinterher gestritten, wer von ihr Gebrauch machen darf, malen wir uns feixend aus. Mit der Kollegin des Kellners, der afrikanischen Schönheit mit dem harten Berliner Tonfall. würden wir uns keinen Spaß erlauben. Der gucken wir nur immer wieder beeindruckt hinterher, aber letzten Endes genau so intentionlos wie wir mit dem Kellner flirten. - Marilyn Monroe. Die Erzählung von Truman Capote, A Beautiful Child. Und die auch nicht mehr neue Erkenntnis, dass ganz schön viel Geschick und Intelligenz dazu gehört, um als blondes Dummchen weltberühmt zu werden. Dumm waren die, die sie für dumm hielten. Wie sie wirklich war, wie sie wirklich gewesen sein könnte – es gibt ein Foto, da kann man es ahnen. Man muss es nur lange genug anschauen. Aufgenommen in der Bibliothek des Weißen Hauses kurz nach der Szene, in der sie für John F. Kennedy "Happy Birthday, Mr. President" gesungen hat. Peter kennt das Foto nicht. Hier ist es für alle: Der Moment nach "Happy Birthday, Mr. President" . – Und wenn es kein inneres Kind gibt, warum liegt es mir dann dauernd in den Ohren? Warum bringt es mich dann ständig in Schwierigkeiten mit seiner tapsigen Zutraulichkeit? Warum schreibt es dann an fremde adlige Frauen? Warum dann diese Dramen wie am vergangenem Freitag wieder? Warum dann diese Anwandlungen von Drolligkeit und hinterher der Zorn?

Samstag, 21. August 2010

Schlingensief

Im Januar 2008 habe ich ihn vor dem  Elektroladen auf der Ecke Akazienstraße/ Beltzigerstraße stehen sehen und mich gefragt, was macht denn der Schlingensief am Montagvormittag in Schöneberg vor dem Elektroladen. Ich war überrascht, wie groß er war und was für ein gut aussehender Mann. In der Wirklichkeit viel besser aussehend als bei Medienauftritten; vielleicht, weil er da immer rumgekaspert hat, während er hier nur auf jemanden wartete und dann auf meinen Blick des Erkennens mit diesem Verhaltenstrick reagierte, mit dem Promis es schaffen, sich unscheinbar und unansprechbar zu machen. Kurz darauf habe ich auf irgendeiner Website gelesen, dass er Lungenkrebs hat und dass ihm ein Lungenflügel entfernt werden soll.  Drei Monate später habe ich ihn wieder auf der Akazienstraße gesehen. Grauer Frühlingstag. Samstag. Einkaufssituation. Bei ihm war eine kleine Frau. Bei der wird er wohnen, zu der hat er sich zurückgezogen, habe ich mir gedacht, und wahrscheinlich war sie die Person, auf die er damals vor dem Elektroladen gewartet hat. Die Frau war Aino Laberenz, die er später geheiratet hat. An dem Tag hat er nicht das mit dem Promiverhalten gemacht, sondern seinen Blick gesenkt, als er meinem begegnete. Es war ihm anzusehen, wie schwer krank er war.  - Zwei Monate darauf. Der Obst- und Gemüseladen gegenüber der Apostel-Paulus- Kirche. Früher Morgen eines strahlenden Sommertages. Noch bevor ich ihn sehe, höre ich ihn. wie er seiner Freundin verkündet, dass sie jetzt eine Melone kaufen werden. Eine Melone. Eine Melone. Ich verlasse gerade den Laden. Er kommt herein. Wir drängen uns aneinander vorbei durch den Türrahmen. Wie zwei Idioten. Keiner bereit, dem anderen den Vortritt zu lassen. Im Weggehen freue ich mich für ihn, dass es ihm schon wieder so gut geht. Beim Theatertreffen 2009 war sein Fluxus-Oratorium Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir eingeladen. Ich hatte keine Karte mehr bekommen und habe es mir im Fernsehen angeschaut. Rotz und Wasser heulend, lachend, heulend und wieder lachend und am Ende bekam ich eine Gänsehaut, als der Schlingensief da stand neben der Angela Winkler und FLUXUS! FLUXUS! FLUXUS! in den Saal gerufen hat. Was für ein Triumph! Und was für ein Arschloch-Erlebnis, als ich danach in den Felsenkeller ging, um ein Bier zu trinken, und über das eben gesehene Stück redete und da war der zum Platzen dicke Martin, der, als er Schlingensief hörte. in seiner feisten Art  von einem Abend im Florian erzählte, an dem Schlingensief immerzu Deutschland, Deutschland über alles gesungen hat. Worauf der fette Martin ihm sagte, wenn er jetzt nicht damit aufhört, dann langt er ihm eine. Und der Schlingensief habe nichts bessere gewusst, als ihm darauf hin mit seinem Anwalt zu drohen. Was sicher nicht sehr geistreich war von dem Schlingensief. Aber noch dümmer war es von dem fetten Martin, einem Till Eulenspiegel mit Schlägen zu drohen. Das habe ich dem fetten Martin so gesagt und seither machen wir uns nicht mehr vor, uns zu mögen. –  Foto: Christoph Schlingensief mit Tilda Swinton. Satz: Heute verlor die Kunst ihren tollsten Jungen.

Freitag, 20. August 2010

Lügen 2

Das ist jetzt nicht über die Lügengeschichten von vorgestern. Das ist üher ein Buch, das ich nicht gelesen habe: Jürgen Schmieder,  Du sollst nicht lügen. Seit mehreren Monaten in der Spiegel-Bestsellerliste Sachbücher gewesen und seit gestern nicht mehr drin. Der Autor hat in einem Selbstversuch 40 Tage nicht gelogen oder es wenigstens tapfer versucht, immer die Wahrheit zu sagen. Hier gibt es ein Video, in dem der sympathische 31jährige noch ganz unter dem Eindruck dieser Extremerfahrung zu stehen scheint. Und hier gibt es eine Leseprobe mit einem Text, der so was von gut geschrieben ist, dass ich mich gefragt habe, ob sie den Autor zu lange auf der Journalistenschule behalten haben oder sein Dealer sich verwogen hat. Was mich abgehalten hat, das Buch zu lesen, war jedoch etwas anderes: die Behauptung des Autors, dass er 300 Schimpfwörter kennt. - 300 Schimpfwörter! Nie und nimmer kennt der so viele Schimpfwörter. Und wenn er in einem so unwichtigen Punkt schon unseriös ist,  was ist dann vom Rest seiner Geschichte zu halten?  Wenn er, wie auf dem Klappentext angekündigt, von blauen Flecken erzählt, die er sich bei seinem Selbstversuch zugezogen hat, von Nächten, die er auf der Couch verbringen musste, von diversen Beleidigungen und von einem verlorenen Freund.  Im Klappentext steht noch, dass  "die Wissenschaft”  herausgefunden hat, dass wir bis zu 200 Mal am Tag lügen. „Bis zu“, es können also auch nur 20 Mal sein. Was auch schon viel ist. Für mich allemal, da ich gar nicht auf so viele soziale Kontakte pro Tag komme, um auch nur 20 Mal zu lügen. Es kann allerdings sein, dass da Selbstlügen, also wenn man sich selbst was vormacht, eingeschlossen sind. Und dann sieht es auch bei mir „zahlenmäßig“ gleich ganz anders aus. – Zurück zum Buch. Dem trotz aller Einwände guten Buch. Denn es ist ein Buch, das man nicht lesen muss. Es reicht zu wissen, worum es darin geht. Alles andere kann man sich selbst vorstellen oder es selbst ausprobieren, wie es wäre, wenn man radikal ehrlich wäre. Blaue Flecken, Nächte auf der Couch, diverse Beleidigungen, Verlust eines Freundes -  so was kriegt jeder selbst hin, da braucht man keinen Autor dafür. Ich rate allerdings, bevor man mit dem Selbstversuch Ernst macht, ihn erst mal nur durchzuspielen und dann die Risiken abzuwägen. Ich habe ein ähnliches Projekt nämlich seit mehr als sechs Jahren laufen. Es ist schon längst kein Versuch mehr, es ist mein Leben. Mehr dazu ein andermal. Heute nur das als Warnung: Von den bis zu 400 Freunden und Bekannten, die sich einst um mich tummelten wie ein Riesenschwarm verschmuster Delphine, ist gerade mal eine schlaffe Handvoll Unentwegter übrig geblieben. Die sind alle so ehrlich wie ich und es ist nicht immer eine Freude mit denen umzugehen.

Donnerstag, 19. August 2010

Getrennt

Feel so suicidal / Even hate my rock and roll  - das ist von John Lennon (Yer Blues, White Album)  und nein, ich will nicht sterben. Aber so wie in der John-Lennon-Formulierung fühle ich mich, weil jetzt auch noch das Schreiben verloren zu gehen droht. Deshalb  lasse ich weg, was ich heute Nachmittag vorbereitet habe, und versuche jetzt mal das, was ich eigentlich nie machen wollte:  über diesen Mann zu schreiben, der mein wichtigster Gesprächspartner ist in der Nachbarschaft; gleicher Jahrgang wie ich, Raucher auf der Straße, aus Rücksicht auf seine Frau und seine Tochter, die längst ausgezogen ist und die Frau seit Mai auch (zu einer Freundin mit einer Zwölf-Zimmer-Wohnung). Das ist das Thema. Das Reden mit ihm darüber  das einzige Lebendige, das mir passiert ist heute, außer dem Anblick  meiner ägyptischen Wasserpflanze, die inzwischen hier steht, als wäre sie schon vor mir da gewesen. Der Mann. Quartalsäufer. Noch alles mögliche andere. Aber um Quartalsäufer geht es. Drei-, viermal im Jahr betrinkt er sich, so sehr, dass er in einem bemitleidenswerten Zustand ist – das muss ich dir schon sagen und da verstehe ich deine Frau schon, dass ihr das nicht gefällt, sage ich zu ihm. Aber dass sie dich dehalb verlässt, wegen drei-, viermal, wo du an 360 Tagen alkoholfrei bist, das kann ich nicht glauben; da muss es noch was anderes geben. – Nein, gibt es nicht. Sie will, dass ich trockener Alkoholiker werde und mich dazu in eine Therapie begebe. – Und warum machst du das nicht? – Weil ich nicht darauf verzichten will, wenn ich in Schottland in Ferien bin, abends am Kamin zu sitzen und Whiskey oder Bier zu trinken.  - Ach so, das auch noch. Also 340 Tage. Aber ist das denn so wichtig? – Ja! – Aber es tut dir doch leid, sie zu verlieren?  - Ja. – Du liebst sie noch? – Ja. – Und sie? Hat sie vielleicht einen anderen Mann? – Nein. Keine Frau, mit der ich zusammen war, hat einen anderen Mann gehabt, während sie mit mir zusammen war. – Aha. Dann ist es eine Machtprobe. – Sie will ihren Kopf durchsetzen. Sie will mich beherrschen. Sie ist so. – Das stimmt, das habe ich mitgekriegt, wie du dich hast beherrschen lassen von ihr. Richtig unterwürfig warst du. Ich weiß noch, wie sie aus dem Haus gekommen ist, und dich von dem Gespräch mit mir weggeholt hat wie einen kleinen Jungen. Und als du mich einmal in euren Garten einladen wolltest, hat sie es dir verboten. – Weil sie dachte, wir besaufen uns da und fallen in den Rosen rum. – So betrunken war ich noch nie in meinem Leben. Ich bin wahrscheinlich der gediegenste Umgang, den du hast.  -  Abschätziges Grinsen von ihm.  - Aber so richtig traurig bist du nicht?  Fehlt sie dir nicht. – Oh, doch. Das B****** fehlt mir.  - Schreckliches Wort.  Sag doch f`*****.  - Noch schrecklicheres Wort. – F***** ist ein jahrhundertealtes deutsches Wort, bedeutet ursprünglich heftig reiben und beschreibt damit ziemlich genau den sexuellen Vorgang, und das allemal besser als b******, was ich nie und nimmer machen möchte, nicht einmal dabei sein möchte ich, wenn das jemand macht.  - Ihm sind Worte nicht so wichtig wie mir. Er überlegt, ob er am Abend noch  rollschuhfahren soll. – Ich kapiere diese Trennung immer noch nicht und zweifle weiter an ihrer Endgültigkeit. – Er erklärt mir, dass seine Frau sich eine Wohnung gekauft hat und von ihm aus gerne in ihren Elfenbeinturm in Dahlem ziehen kann. – Wieder grüßt er eine junge Frau, die hinter uns vorbeigeht.  Jetzt schon  die dritte.– Woher kennst du all die jungen Frauen? – Die wohnen bei uns im Haus. -  Was hat dir eigentlich an deiner Frau so gefallen?  - Sie ist hochintelligent, gebildet, selbständig, emanzipiert. – Und herrschsüchtig. -  Das ist ihr Problem. Sie fühlt sich allen überlegen. – Exkurs in die Familiengeschichte der Frau. – Ich finde mich allmählich mit der Trennung der beiden ab. Die Frau konnte ich nie leiden und ich habe nicht verstanden, dass er sich von ihr hat beherrschen lassen. Aber es war nun mal seine Frau. Doch da sie es nun nicht mehr ist, kann ich mal offen fragen: Findest du sie denn attraktiv? – Oh ja,! ... Er begründet das damit, was für  guten Sex sie hatten. – Verstehe, du findest sie begehrenswert.  War sie denn mal hübsch?  - Sehr. Sie hat sehr ausgeprägte Gesichtszüge.– Hm. ... Ich unterdrücke, was ich immer schon gedacht habe und einer dritten Person gegenüber so beschreiben würde: Sie sieht immer aus, als hätte sie gerade gekotzt. Natürlich eine Übertreibung, zu der es nie gekommen wäre, wenn sie sich mir gegenüber nicht so ablehnend verhalten hätte. Trotzdem: Wie sehr muss er sie lieben, wenn er sie attraktiv findet. Und wie muss es ihn schmerzen, sie zu verlieren. Doch anmerken lässt er es sich nicht. Vielleicht gesteht er es nicht einmal sich selbst ein. Er lässt sich nicht gehen. Er bewahrt Haltung. Er macht Pläne. Er denkt praktisch. Die 300 Euro Miete, die er jetzt mehr zahlen muss (ihren Mietanteil) die wird er einsparen beim Einkaufen, weil er jetzt keinen teuren französischen Käse und keinen teuren italienischen Schinken und nicht mehr alle möglichen teuren Bio-Lebensmittel einkaufen muss. Und er wird Alkohol trinken, wann es ihm gefällt, und lernen sich nicht mehr zu betrinken. Ich denke, dass ihm das vielleicht auch gelingt, wenn seine Frau nicht mehr auf ihn aufpasst und er jetzt selbst auf sich aufpassen muss. Wenn es bei der Trennung bleibt.  Wenn. Es ist nämlich so, dass sie erst in zwei Monaten ihre neue Wohnung beziehen kann. Und da hat sie allen Ernstes von ihm verlangt, dass er für diese zwei Monate die bisherige gemeinsame Wohnung räumt, damit sie so lange da wohnen kann. – Hier! sagt er und tippt sich an die Stirn.  Und ich sage:  Die will dich nur quälen. Und daran kannst du sehen, dass sie noch nicht fertig mit dir ist. Denn warum sollte sie dich noch quälen wollen, wenn sie nichts mehr von dir wollte. – Was er darauf gesagt hat, weiß ich nicht mehr. Egal. Sie ist noch nicht fertig mit ihm und er mit ihr sowieso nicht.

Mittwoch, 18. August 2010

Vulgär

Der Text, den ich heute Nachmittag  für hier geschrieben habe, gefällt mir nicht. Ich mag nicht mal erzählen, worum es darin geht. Nur, dass der Titel Lügen 2 gewesen wäre. Lügen 2 und 3 und vielleicht 4 und mehr wird es auf jeden Fall geben, aber der Text von heute soll nicht dabei sein – weil er mir zu vulgär ist und weil er mir zu rückwärts gewandt ist. Weil es auch gar nicht um mein Leben geht darin, sondern darum, was eine andere Person über mein Leben denkt und was für Lügengeschichten sie über mich erzählt.  Und die Person ist nun mal rückwärts gewandt und vulgär. Worüber ich nicht urteilen will. Das Vulgäre kann schließlich auch sehr entspannt sein; außerdem bin ich selbst manchmal vulgär und habe meinen Spaß dabei. Aber das Vulgäre in diesem Fall ist einfach nur abgefuckt. Das habe ich erst gemerkt, als ich den Text  überarbeiten wollte, und erkannt habe, dass ich so viel Witz, wie es brauchen würde, um das Abgefuckte darin erträglich zu machen, heute Abend nicht aufbringe und in dieser Lebensphase sowieso nicht habe.  - Was allerdings bleibt ist das gute Thema: Lügengeschichten, die über einen erzählt werden. Etwas ist ja immer dran. Selbst, wenn kein Wort darin stimmt, irgendetwas hat man getan oder versäumt, womit man Anlass zu den Lügengeschichten gegeben hat. Was?  Was war es im Fall des Rückwärtsgewandten, Vulgären?  -  Die Frage habe ich mir nicht gestellt, womit ich mir die Vulgarität zugezogen habe. Deshalb ist der Text misslungen. Vielleicht nehme ich ihn mir doch noch mal vor.

Dienstag, 17. August 2010

Wasserpflanze

Die Illusion ist ausgezogen. Eine ägyptische Wasserpflanze ist eingezogen. Was ich vormittags treibe beim Plotten für die TV-Produzentin, darüber besser mal nichts.  Die Verabredung mit dem Peter L. ist verschoben, so dass ich das mit dem Lügen nicht weiter verfolgen konnte, wie ich es im Gespräch mit ihm vorhatte. Zur Tess weiß ich nichts Neues. Nur, dass die Besessenheit mit einem Mal weg ist, und dass ich sie trotzdem immer noch kennenlernen will und das Gefühl habe, dass das auch passieren wird.  Die beste Freundin hat prompt, wie es eigentlich auch ihre Art ist, reagiert, nachdem ich ihr heute Früh den Post  von gestern gemailt habe. Ihre Antwort:  Es ist nicht was Du denkst, nicht was Du hier beschreibst - ich habe es einfach noch nicht gelesen!!! S. –  Am Nachmittag noch eine Mail von S.: Habe angefangen - Mai gelesen - noch mag ich die Passagen ohne Tess lieber. Auch sprachlich - vor allem sprachlich. Melde mich. S.  - Ihr gefällt mein Dramastil nicht. Da wird sie beim Weiterlesen – Juni, Juli – immer weniger Freude haben und erst im August sich wieder wohler fühlen, wenn sich meine Sprache mit zunehmender Resignation beruhigt. Heute so beruhigt, dass ich mich schon frage, was habe ich hier eigentlich noch zu tun?  - Geh du mal wieder dir deine Dramen selber ausdenken, wenn du welche erleben willst!  Und das findet vormittags statt, wenn die Einfälle kommen, die zwei, drei pro Tag, manchmal auch nur einer,  und ausgearbeitet werden, bis gerade mal so viel übrig bleibt, um am nächsten Tag weiter machen zu können.  Dramaregel Nr. 1: Jemand muss unbedingt etwas wollen – und wenn es nur ein Schluck Wasser ist, hat ein Plot-Professor mal lakonisch angemerkt. Dramaregel Nr. 2: Eine andere Person muss sich dem mit aller Macht entgegenstellen. Friss Sand! Mein Wasser kriegst Du jedenfalls nicht! Das hat der Plot-Professor nicht gesagt.  – Was will ich unbedingt? – Auf keinen Fall noch so einen Tag wie heute erleben. – Positiv formuliert? Wieder Dramastil schreiben können. –  Und die Wasserpflanze? Die habe ich schon seit Jahren gegossen; immer dann, wenn der Nachbar verreist war. Jeden Tag muss die gegossen werden. Zwei, bis drei Liter Wasser braucht die täglich. Diese Lebendigkeit, wie die das Wasser wegsäuft, das hat mir immer so gut gefallen an der Pflanze. Deshalb habe ich sie so gerne gegossen und deshalb hat der Nachbar sie mir jetzt überlassen bei seinem Auszug.  Probehalber. Weil der Wohnungsstil hier ist minimal und karg und jetzt steht da auf einmal dieser 1 Meter 50 hohe und fast genau so weit sich breit machende Busch in der Ecke, halbrechts vor meinem Arbeitstisch, und ich weiß nicht, ob mir das passt. Die Pflanze hingegen hat sich innerhalb weniger Stunden an ihren neuen Standort angepasst und ihre Stengel mit den Blätterfächern an den Spitzen Richtung Lichteinfall ausgerichtet.  Als ich das bemerkt habe, da habe ich mir gedacht, dann soll sie hier bleiben. Aber wird sie den Qualm vertragen?  Denn abends rauche ich in diesem Zimmer. Und eigentlich hatte ich mir das für die Tess vorbehalten, hier nicht mehr zu rauchen, wenn sie irgendwann mal hier sein sollte. Wird es am Ende so ausgehen, dass ich wegen der Wasserpflanze hier abends nicht mehr rauche, und heißt das ... ? - Nein, nein, nein. Ich höre jetzt auf.

Montag, 16. August 2010

Lügen

Vier beste Freundinnen. Alle "Ex-Freundinnen". In der Reihenfolge ihres Erscheinens: Anneli (Anna E.), Claudia, Stephanie, Hediye. Eine von ihnen. Ich kann mich hier bedenkenlos über sie äußern, denn sie liest das Blog nicht. Und darum geht es. – Da hier immer noch niemand die praktische Kommentar-Funktion unter meinen Posts genutzt hat, hole ich mir die Kommentare inzwischen ab, indem ich im Freundes- und Bekanntenkreis auf das Blog hinweise und um Rückmeldung bitte, insbesondere zu meiner Geschichte mit der Tess. Da kam auch schon einiges. Am Witzigsten Peter S., der als Kommentar ein Foto gemailt hat. Im Hintergrund ein großformatiges Gemälde: Porträt von Fidel Castro, daneben ein Text von Fidel mit dem Titel Revolución, darunter Fahnen schwingende kubanische Volksmassen. Vor dem Gemälde ein an die Wand gelehntes Brett und auf dem Brett eine Schnecke, die sich naturgemäß sehr, sehr langsam die schiefe Ebene hoch bewegt. Betreff der Mail: Die Dinge brauchen ihre Zeit. Peter S. ist Psychoanalytiker und Kommunist. – Die beste Freundin, die das Blog nicht liest. Ums Verrecken nicht liest. Obwohl ich sie darum gebeten habe und noch mal daran erinnert und dann noch mal eindringlich gebeten habe: Tu mir eine Liebe, und wenn nicht eine Liebe, dann erweise mir die Ehre und lies das Blog und sage mir bitte, was Du darüber denkst, denn Dein Standpunkt ist mir wichtig, auch wenn ich weiß, wie grundkonservativ Du bist, und dass das alles nicht Dein Genre ist, aber gerade deswegen interessiert es mich, was Du denkst. - Nichts. Immer noch keine Reaktion. Und das von einer Frau, wegen der ich in unserer gemeinsamen Zeit den Begriff Erledigungshase geprägt habe. Sie kommt nicht dazu. Die zwei kleinen Kinder. Der Mann. Der Job. Die Salzburger Festspiele. Das Münchner Wetter? – Ich kann machen, was ich will, sie liest nicht. Als ich von Achtlosigkeit spreche und Gleichgültigkeit, als die ich es empfinde, dass sie nicht reagiert, weist sie das weit von sich, will das auf keinen Fall sein und mir gegenüber schon gar nicht. Aber sie liest nicht, und da sie nicht liest, kann sie sich nicht äußern. – Inzwischen ahne ich natürlich, was los ist. Aber ich will es genau wissen. Ich will wissen, was ihr nicht gefällt - warum sie sich nicht äußern will. Und, ich gebe es zu: Jetzt will ich auch was erleben. Anruf: Wiederholung der Bitte. Dabei erinnere ich an die Sache mit der XXXXX-Inszenierung, die sie auf meine Empfehlung sich angesehen hat mit ihrem Mann, als sie in den Kammerspielen gastierte, und nie kam es hinterher dazu, dass sie sich geäußert hat. Das nächste Mal, wenn mehr Zeit ist. Immer wieder das nächste Mal, bis ich nicht mehr gefragt habe. Da konnte ich mir dann schon vorstellen, wie sie und ihr Mann, die beiden Kulturkonservativen, wie sie sich angesehen haben nach der Aufführung. - An ihr aufschiebendes Verhalten von damals erinnere ich sie jetzt also. Ich habe noch keine zwei Sätze gesagt, da unterbricht sie mich: Ja, ja, ist schon klar, was du meinst. - Geäußert hat sie sich trotzdem nicht zu dem Blog. Bis jetzt nicht. Aber ich gebe nicht auf. Jetzt maile ich ihr diesen Post und dann will ich mal sehen, was passiert. Ich will erfahren, was ihr nicht gefällt. Was es ihr so schwer macht, sich darüber zu äußern. Obwohl ihre Zurückhaltung es verdient hätte, dass ich aufgebe und sie in Ruhe lasse. Aus Rücksichtnahme. Denn es ist doch einfach so: Sie will nicht lügen. Sie will mich nicht anlügen. Deshalb sagt sie lieber nichts. – Leute, die lügen. Leute, die lügen, wo sie gehen und stehen, und sich deshalb selbst nicht mehr kennen. Leute, die Lügen müssen. Leute, die es nicht nötig haben zu lügen. Leute, die nicht lügen wollen. Leute, die lieber nichts sagen, als zu lügen. Nicht lügen als Teil der Kultur seiner selbst. Nicht lügen als Distinktionsmerkmal. Nicht lügen müssen als Luxus. Nicht lügen müssen als Privileg. Lügen und nicht lügen im außermoralischen Sinn. Fortsetzung folgt.

Sonntag, 15. August 2010

Brief 1 2 3

Der lange angekündigte Brief steht im Blog Das alte BiestHier und hier. Der dritte Teil kommt morgen. - An der Stelle von Brief 1, der gestern hier gepostet war, steht jetzt Pudel (über eine Begegnung am letzten Freitag, geschrieben gestern). Solche Texte würde ich gerne öfter schreiben. Leute, Leute, Leute, statt immer nur ich, ich, ich. - Und wie weiter mit der Contessa? - Ich erlebe gerade den therapeutischen Effekt, den ich mir versprochen habe davon, zurück zu gehen zum Anfang der Geschichte, wie jetzt geschehen beim mehrfachen Lesen des Briefs.  Oh je! war eine Überraschung, aber noch nicht der Effekt. Worin der besteht, behalte ich vorläufig lieber für mich. Bis ich mehr darüber weiß.

Samstag, 14. August 2010

Pudel

Wer redet denn heute noch über den Kohl? Aber über mich reden sie immer noch. Seit Jahrzehnten reden sie über mich. Sollen sie doch. Sollen sie immer weiter über mich reden. Ist mir egal. - So ein Mann ist das. So ein Gespräch ist das. Unser erstes längeres Gespräch. An der Ecke der Straße, in der ich wohne, und der kleinen Seitenstraße, in der er wohnt. Mit vier Jahren ist er mit den Eltern von Magdeburg hierher gezogen. Und alles hat er mitgekriegt damals. Wie sie die Juden abgeholt haben und die Homos; er sagt Homos. Von wegen nichts gewusst hinterher. Er hat es doch auch mitgekriegt als Kind. Er hat es doch auch gewusst. Nur die Judensterne hat er nicht gesehen, weil er damals noch zu klein war; so weit konnte er an den Erwachsenen nicht hochgucken, Seine Familie hatte einen kleinen Grundbesitz in der Uckermark, wo sie hin konnten während der Luftangriffe. Andere hatten es nicht so gut. Drei Tage lang haben die manchmal in den Kellern gehockt, und als sie raus kamen ist ihnen die Lunge geplatzt. – Was?! Das habe ich noch nie gehört. – Doch, doch. Deshalb mussten die Leute erst mal in Decken gewickelt werden, wenn sie nach Tagen aus den Kellern kamen. - Hm. Hat das was mit Unterdruck zu tun? Ich frage mal lieber nicht nach; er war ein Kind, sie waren in der Uckermark, wenn es hier gekracht  hat. – Das Haus in der Xxxxstraße, in dem er wohnt, ist unzerstört geblieben. Keinen einzigen Treffer hat das abgekriegt. - Wohnt er etwa immer noch in der Wohnung, in der er aufgewachsen ist? – Seit 68 Jahren wohnt er da. - Aber von den Eltern lebt niemand mehr, oder? – Zum Glück nicht. Im Haus haben sie eine 95jährige Frau wohnen. Die müsste man erschlagen. Aber niemand will es machen. Die war ihr Leben lang so bösartig, dass sie jetzt nicht sterben darf. – Ich erwähne, dass es in entlegenen Alpendörfern den Brauch gab und vielleicht immer noch gibt, die alten Leute, wenn sie allzu lästig werden, hinterrücks zu erschlagen, wenn gerade mal keiner guckt. – Da lacht er. Das gefällt ihm. Ich lache nicht, weil ich das schon zu oft angebracht habe. Ich würde jetzt gerne über Pudel reden. Seinen Mann sehe ich immer, wie er den Pudel ausführt, sage ich. - Mann? Mein Freund ist das, korrigiert er mich. Und der Pudel ist schon der siebte, den sie haben. Vier Mädchen hatten sie und drei Jungs. Der aktuelle ist ein Junge. – Wie alt? – Fünf. – Pudel sollen sehr schlau sein, sage ich. – Er bestätigt das und fügt lächelnd hinzu: Der Pudel beherrscht uns. - Thomas Mann hatte auch immer Pudel, sage ich. – Ach ja. – Und er hatte immer große Probleme mit ihnen, weil sie so eigenwillig waren. - Wie Katzen sind die. - Genau. Die Katzen unter den Hunden. Aber er hat sie geliebt. – Wer? – Thomas Mann. Er hat ja Tagebuch geführt. Und da steht an einem Tag drin: morgens irgendwie Weltliteratur geschrieben, Doktor Faustus oder so, und dann heißt es: Nachmittags mit dem Pudel gescherzt. Ich lache. Er nicht. Warum muss ich immer wieder diese Schote erzählen? Weil ich so gerne über Pudel rede? Warum eigentlich? Weil ich gerne einen hätte? Pudel sollen sehr humorvoll sein, versuche ich es noch mal. – Er schaut mich verständnislos an. - Ich gebe auf. Sein Freund sieht aus wie Alfred Biolek, sage ich. Lange Zeit habe ich sogar geglaubt, er ist es. – Das sagen alle. Manchmal kommen sogar Leute an und wollen ein Autogramm von ihm haben. Gerade neulich wieder im Zug. Und wenn er dann sagt, dass er es nicht ist, wollen sie es ihm nicht glauben und werden böse. - Liegt es an meinem Gesprächspartner? Heute habe ich es mit Anekdoten: Als Romy Scheider mal im Zug von Hamburg nach Berlin angesprochen wurde, da hat sie gesagt: Ich wäre sehr gerne Romy Schneider. Aber glauben Sie denn, Romy Schneider würde hier einfach so in diesem Zugabteil sitzen? Und das hat funktioniert. - Findet er gut! Das muss er seinem Freund sagen. Das ist eine gute Idee. Ach ja, Romy Schneider. Ihn kennt hier ja auch jeder. - Er gehört zum Straßenbild, bestätige ich. Und dann versuche ich es einfach noch mal, und füge hinzu: Wie sein Freund mit dem Pudel. – Aber er geht nicht darauf ein. Wie lange ich denn hier wohne, will er wissen. - Etwas mehr als 13 Jahre. – Das ist ja auch schon eine ganz schön lange Zeit. – Aber nichts gegen 68 Jahre. – Wo ich denn vorher gewohnt habe? – In der Nähe vom Botanischen Garten und davor sehr lange in Heidelberg. – Heidelberg ist schön, sagt er. – Na ja, sage ich. Und dann fehlt mir ein Stück in meinem Gedächtnisprotokoll. Keine Ahnung, wie er dann auf den Pfarrer gekommen ist und die Feindschaft, die er mit ihm hat, obwohl er und sein Freund lange Zeit im Kirchenchor mitgesungen haben; aber der Pfarrer hat eben was gegen Homosexuelle und das, wo doch die meisten Pfarrer selbst homosexuell sind und dann auch noch mit Kindern und Jugendlichen. Das verurteilt er und ich selbstverständlich auch. Wie er dann wiederum von den schwulen Pfarrern auf das Gerede der Nachbarn über ihn gekommen ist, auch daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber den Satz mit dem Helmut Kohl, den habe ich mir gemerkt. Der hat mir gefallen. Das ganze Gespräch hat mir gefallen. Wir werden es fortsetzen, versichern wir uns, als er mir im Weggehen die linke Hand reicht. Dann vielleicht auch mal, wenn sein Freund dabei ist und der Pudel.

Freitag, 13. August 2010

Bedenken

Gestern faul. Heute fahrig. Vormittags rumgeplottet an dem neuen Projekt, das ich vielleicht habe. Inzwischen der zweite Ideenansatz. Wird nicht der letzte sein. So geht das. Bis es aussieht wie richtiges Leben. – Zum Nachmittag hin immer mehr verpeilt. Flucht ins Telefonieren. Danach zwei verworfene Ansätze für den Post von heute. – Warum? – Weil ich nicht tue, was ich tuen will/tuen soll. Den verdammten Brief lesen und endlich herausgeben. – Warum lese ich ihn nicht? – Weil ich Angst habe, dass ich denken könnte: Nein, das geht nicht! Das kann ich nicht veröffentlichen. – Hysterie! – Der Brief ist so harmlos. Zeigt mich, wie ich bin, und kompromittiert die Contessa kein bisschen. Hier habe ich schon mehr preisgegeben von mir und von ihr. Bleibt die harte Geste, einen Liebesbrief zu veröffentlichen. Dass die Tess ihn „offiziell“ nicht gelesen hat, weil sie ihn nicht von mir in die Hand bekommen hat, das ist keine Rechtfertigung, weil ich weiß, dass sie ihn trotzdem gelesen hat. Wie sie ihn lesen konnte, damit geht die Geschichte weiter nach dem Brief. Dieser Teil, der zweite Teil der Geschichte, ist viel heikler für sie und für mich, vor allem für mich, weil viel schwerer erzählerisch zu bewältigen als der der erste Teil, für den ich nur den verdammten Brief formatieren und hier reinstellen muss. Aber nun mal: die harte Geste. Anfang der Woche hatte ich ein ganz schlechtes Gefühl bei der Vorstellung, den Brief zu veröffentlichen. Unfein ist das, überhaupt; und unzart ist es, der Tess gegenüber. Das Unbehagen habe ich dann projeziert in die Vorstellung, dass sie nicht will, dass ich den Brief veröffentliche. Das hat dann meinen Widerstandsgeist geweckt. Von wegen Verrat gegen Verrat, Biest gegen Biest. - Biest ist klar. Aber: Sie hat mich verraten? – Ich denke schon. Nicht  mich, um genau zu sein - unsere zarte Annäherung hat sie verraten, indem sie sie verleugnet hat. Episode: Huschbewegung mit Blumentopf an einem Hochsommerabend. Ich werde darauf noch eingehen und es dann hoffentlich nicht mehr so grimmig sehen. Dann wäre es kein Verrat mehr, sondern nur so, dass sich in der Huschbewegung an dem Hochsommerabend etwas gezeigt hat (verraten hat), was ich damals noch nicht sehen wollte und was einfach nur die Realität war. Ihre Realität. Nicht kompatibel mit meiner. Mind the gap! Beachten Sie den Abgrund zwischen Ihren Wünschen und der Realität der Gefühle anderer. Realität jetzt ist: Nichts mit Verrat gegen Verrat. Nichts mit Biest gegen Biest. Inzwischen habe ich sogar den Eindruck, dass die Tess damit einverstanden ist, dass ich den Brief veröffentliche (siehe ihre Zeichen, die ich in den letzten Tagen aufmerksam verfolgt habe). Sollte ich sie jedoch falsch deuten, Deine Zeichen, solltest Du nicht einverstanden sein, Tess, nutze die verbleibende Zeit, um Einspruch zu erheben. Denn Morgen geht es los. Und bitte nicht zu viel erwarten, Leser! Mir hat es viel bedeutet, aber tatsächlich ist es sehr wenig, was war. Mehr als eine Illusion. Aber nur wenig mehr.

Donnerstag, 12. August 2010

Tag

Ein Tag, den ich besser übersprungen hätte. Nicht wegen besonders schlechter Gefühle. Sondern wegen Ereignislosigkeit. Das Freibad ist das Freibad. Die innere Unruhe ist die innere Unruhe. Der graue Tag ist nur zu typisch für diesen Sommer. Die Einfälle sind mit Vorsicht zu betrachten. Warum der Browser (Google Chrome) auf dem Sony plötzlich solche Zicken macht, habe ich noch nicht raus gefunden. Dass es mit der Tess nichts wird, weiß ich nicht erst seit gestern. Das Rauchen hat schon mehr Spaß gemacht. Die  Küche müsste dringend mal wieder geputzt werden. Ganz aufgegeben habe ich allerdings noch nicht; Ich will endlich wissen, wer die Tess ist. Who´s that girl? sozusagen. Das frage ich mich schon, seit ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Das wird bestimmt auch  irgendwann aufhören. Sicher kann ich mir dessen aber nicht sein.  Meine Hartnäckigkeit ist berüchtigt, wenn nicht sogar pathologisch; wie mein Hang zum Kalauer. Beim Runtergehen darf ich den Müll für die gelbe Tonne nicht vergessen. Auf der Ablage neben der Wohnungstür liegt immer noch der nicht abgegebene Brief an die Tess in dem DIN A 5-Kuvert. "Offiziell" hat sie ihn nie gelesen. Der Brief kommt in den nächsten Tagen hier an. Vorher muss ich ihn mir noch mal anschauen und mir dann überlegen, wie ich ihn formatiere/editiere. Das schiebe ich jetzt auch schon eine Woche lang vor mir her. Heute komme ich wieder nicht dazu. Morgen voraussichtlich auch nicht. Ich würde so gerne mal wieder beim Schreiben laut lachen. Dazu muss ich das Thema wechseln. Oder einen anderen Blick auf das bisherige Thema kriegen. Das denke ich auch schon seit Monaten. Ich wäre gerne intelligenter. Vielleicht macht Rauchen dumm. Dann werde ich intelligenter, wenn ich damit aufhöre. Irgendwann werde ich mit allem aufgehört haben und in einem Ashram sitzen. Zwölf Stunden am Tag sitzen und meditieren. Und noch mal irgendwann später werde ich auch mit dem Ashram aufgehört haben und mit dem Meditieren. Vielleicht geht es in meinem Leben darum, mit allem aufzuhören. Erleuchtung ist das Letzte, was ich brauche. Wenn ich den Satz mit dem Müll für die gelbe Tonne nicht geschrieben hätte, dann hätte ich wahrscheinlich wieder vergessen, ihn mit runter zu nehmen. Warum schickt mir meine Agentur heute eine Geburtstags-Mail durch eine mir unbekannte Mitarbeiterin, so dass ich den Namen erst googeln muss, um sicher zu sein, dass es keine virenverseuchte Spam ist? Vielleicht gibt es eine Verschwörung des Lebens gegen mich, die will, dass ich alleine bin. Kann ich. Ich könnte aber auch anders. Nur interessiert das keinen. Wahrscheinlich habe ich selbst die Verschwörung gegen mich angezettelt  Das neue Album von Prince klingt wie vor 20 Jahren. Wenn der Text nicht diesen Rhythmus hätte, dann hätte ich ihn nicht geschrieben. Trotzdem ist wie immer jeder Satz wahr. Vielleicht werden ab jetzt viele Tage so sein wie heute. Days von The Kinks war auch so ein Code, den ich der Tess mal gesagt habe. Nur weiß ich nicht mehr genau Code für was. Der gern gesehene Clip zu Days hier als Trost für alle, die diesen Text bis zum Ende gelesen haben.

Mittwoch, 11. August 2010

gap

U2 nach Prenzlauer Berg. Lautsprecherdurchsage, zweisprachig: Beachten Sie die Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante. Mind the gap between the train and the platform. In der Londoner und der New Yorker U-Bahn heißt es einfach nur: Mind the gap.  -  Jetzt noch den Unterschied markieren von Geschichtenerzählen in einem Land, in dem es heißt Beachten sie die Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante, und einem Land, in dem es heißt Mind the gap. Und fertig ist das Feuilleton. - Nähe Kollwitzplatz. Treffen mit einer TV- Produzentin. Unser erster direkter Kontakt. Bekanntwerden miteinander. Ob es was werden kann,  weiß man spätestens nach fünf Minuten. Jetzt brauchen wir nur noch eine Idee, besser gleich mehrere. Auf der Aufgabe rumdenken bis Ende nächster Woche. Dann reden wir weiter. - Rückfahrt. Am Rosa-Luxemburg-Platz steigt ein junges Paar mit Kinderwagen ein. Er Franzose. Spricht mit dem Kind.  Die Frau spricht nicht. Das Kind auch nicht. Der junge Franzose setzt sich neben den Kinderwagen. Öffnet eine Tüte mit Brezel darin. Er bricht Stücke in der Tüte ab, steckt eins dem Kind in den Mund, steckt eins der sich zu ihm herunter beugenden Frau in den Mund, dann erst isst er selbst. Das Kind hat mit seinem Brezelstück  erst mal zu tun. Die Frau will ein zweites Stück. Wieder beugt sie sich zu dem Mann herunter und er schiebt ihr das Brezelstück in den Mund. Erst beim Abbeißen nimmt sie ihre Hand zu Hilfe. Gefüttert werden. Sie ist sehr dünn und an den Händen trägt sie schwere silberne Ringe. Ihre langen dünnen Beine in den Jeans. Große gleichförmig ausgewaschene Flecken auf  Ober- und Unterseite der Schenkel. Used washed Jeans. Used-washed-Optik. Das Prollige solcher Jeans. Aber da kann man sich auch täuschen. Leute, die außerhalb der Codes leben. -  Zuhause Notizen, Festhalten einer Idee, die ich hatte während des Gesprächs mit der Produzentin. Für mich behalten; erst mal ausprobieren, wo sie hin führt. Die Notizen schreibe ich in das Notizheft unter das, was ich heute Morgen hingekritzelt habe:
Vierte Phase des Schreibens an sie: erzählen von mir
Verrat gegen Verrat
Biest gegen Biest
fremde hartherzige Frau
die Kaltherzigkeit, mit der sie mich meiner Verwirrung überlassen hat/überlässt
Notizen zum langen Brief zum Abschied. Enttäuschung, dass die Tess sich nicht gerührt hat gestern an meinem Geburtstag; sie weiß, dass ich gestern Geburtstag hatte (für sie gut zu merken, weil der Professor am gleichen Tag Geburtstag hat). Dass sie sich nicht gerührt hat. Weil sie nicht wollte? Weil sie nicht konnte? Weil sie nicht durfte? Weil sie sch in einer Zwangslage befindet? - Meine ewigen Entschuldigungen für sie. Im besten Fall ist sie feige. Aber wahrscheinlich ist sie nur opportunistisch. Oder uninteressiert. Was weiß ich?  Es ist deprimierend und unklar. Sie tut nichts dafür, dass es klarer wird. Im besten Fall ist sie feige. Mind the gap.

Dienstag, 10. August 2010

Peinlichkeit

Schreiben ist gerade nicht das, was ich brauche. Es geht also so weiter. Schon seit Stunden drücke ich mich um mein Versprechen von gestern.  Gemacht, weil es gerade so gut gepasst hat in den Text von gestern, und weil das Thema passt zum heutigen Tag. – Die letzten zwei Abhängigkeiten, von denen ich loskommen will. Zwei Peinlichkeiten in meinem Leben. Die eine ist bekannt:  Ich rauche immer noch; leidenschaftlich gerne; keine Ahnung, wie das mal aufhören soll. Die andere: Die Website, die ich morgens als erste anklicke, nachdem ich mein Laptop eingeschaltet habe.  Jeden Tag. Manchmal, wenn es noch sehr früh ist und somit klar, dass auf den Presse-Websites noch gar nichts Neues stehen kann (es sei denn, Michael Jackson ist gestorben oder noch Schlimmeres ist passiert), schalte ich das Laptop nur ein, um auf diese Website zu gehen. Nein, es geht nicht um irgendeine Special-Interest-Pornographie-Website - irgendwas mit Ponys oder Kartäuser-Katzen: wobei mein Ding dann das mit den Katzen wäre. Handelte es sich um so etwas, ich würde mich jetzt sofort dazu bekennen und es wahrscheinlich sogar genießen, die sordid details meiner Passion zu enthüllen. Auch auf die Gefahr hin, dass der Host Blogger darauf meinen Blog auf Erwachseneninhalte stellt und fortan eine entsprechende Warnung erscheint, wenn man ihn anklickt, sodass man erst erklären muss, dass man volljährig ist, bevor man rein darf. Obwohl das mit den Kartäuser-Katzen, wie alle meine Leser wissen, der einzige Erwachseneninhalt in meinem Leben wäre, und nachdem das einmal raus ist, nie wieder dergleichen vorkommen würde auf diesen Seiten. Ende Abschweifung. Peinlichkeit. Ich kann mich einfach nicht überwinden zu der Enthüllung. Weil ich merke, dass es auch nicht besser wird, wenn ich. wie ich es vorhatte, erzähle, durch welche erstaunlichen Umstände ich dazu gekommen bin. Und wenn ich darlege, dass es verschiedene Arten gibt, sich mit diesem Sujet zu befassen, darunter auch  intelligentere, kultiviertere; und selbstverständlich bewege ich mich auf der kultivierten Seite. Klägliche Rechtfertigungen. Vernunftgerede eines schwer Abhängigen. Und es würde auch nicht besser werden dadurch, dass ich mich über meine Ahhängigkeit lustig mache, indem ich, wie ich es vorhatte, von den Bewusstseinskomödien erzähle, die ich mit dieser Abhängigkeit regelmäßig aufführe, wenn ich mich davon zu distanzieren versuche, indem ich sie als eine empirische Forschung ausgebe, mit der ich das Sujet sozusagen an mir selbst teste, oder indem ich mir immer wieder versichere, dass ich es letztlich nur spielerisch betreibe, das Sujet, als eine Poesie des Alltags. - Wenn es ein Spiel ist, warum muss ich es dann täglich spielen? Warum komme ich dann nicht davon los, obwohl ich es schon so lange will? Und warum ist es mir so peinlich, dass es mir nicht gelingt, meine Abhängigkeit einzugestehen?  -  Nein, es gelingt mir nicht. Deshalb mache ich etwas anderes. Ich höre jetzt auf damit. Heute ist es schon zu spät, um damit aufzuhören, denn es ist schon geschehen heute. Also morgen. Ab morgen höre ich auf damit. Und für den Fall, dass ich rückfällig werde, verpflichte ich mich, dann die Peinlichkeit zu enthüllen – indem ich schonungslos den Rückfall und seine Umstände schildere. Die Aussicht, das tun zu müssen. soll mir zusätzliche Motivation sein. Akzeptiert? - Es hat nicht geklappt. Die Enthüllung hat nicht geklappt. Der Text ist nichts geworden. Der Spaß, den ich mir machen wollte mit mir selbst, ist keiner gewesen. - Astrologie. - Ich konnte mich auch nicht richtig konzentrieren heute. Zu viele Anrufe. Schön eigentlich. - Astrologie. - Manchmal vergehen Tage, an denen das Telefon nicht ein Mal läutet. - www.astro.com. - Morgen bin ich noch mal abgelenkt. Ende der Woche geht es bestimmt wieder aufwärts mit dem Blog. - Die Adresse der Website ist www.astro.com. Jetzt ist es raus. - Ich halte meine Versprechen. Und alle Irrtümer und Fehler werden korrigiert. Wie der von gestern. Korrekt muss es heißen: kleiner parfümierter französischer Brief. Lars von Trier hat gesagt, dass er einen kleinen parfümierten französischen Brief erhalten hat von Catherine Deneuve. - Wenn ich doch mal sagen könnte, dass ich einen kleinen parfümierten amerikanischen Brief bekommen habe. Oder auch nur eine SMS wie gerade eben von Inge. Danke, Inge!  Das Parfum würde ich mir dann schon dazu denken zu der kleinen amerikanischen SMS.

Montag, 9. August 2010

Frühstück

Frühstücks-Müsli von Seitenbacher. Pfirsich (klein geschnitten) aus dem türkischen Supermarkt in der Hauptstraße. Frische Vollmilch (Milsani) von Aldi, Tee, Darjeeling Second Flush, gesüßt mit Honig. Laptop von Samsung. Zeitung: Was früher einmal die FAZ von vorn bis hinten war, beginnt jetzt bei  SPIEGELONLINE. Da es noch deutlich vor 7 Uhr ist, kenne ich die meisten Artikel, wie zum Beispiel den über den Rauch in den Straßen Moskaus, schon von gestern Abend.  Neu und interessant für mich ist nur: Am Set mit Lars von Trier - Shitty in Trollywood. -  Trollywood? - Die Dreharbeiten zu Lars von Triers neuem Film Melancholia finden statt in einem Ort namens Trollhättan, achtzig Kilometer von Göteborg entfernt. Ein Ort, dessen Name klingt, als wäre er von putzigen Fabelwesen bevölkert, die dort wichtigem Business nachgehen; ein Manhattan für Trolle eben. Heiterkeit am Frühstückstisch. Die SPON-Reporterin erzählt von der Pressekonferenz, die Lars von Trier mit seinen Schauspielern gibt. Er wird gefragt, worum es in seinem Film geht. "Es ist eine Geschichte um zwei Schwestern und einen Planeten", antwortet er knapp. "Aber ich drehe ja Filme, weil man in diesem Medium die Geschichten am besten erzählen kann. Darum versuche ich so wenig wie möglich zu sagen." Ein Kollege gibt zu bedenken, dass man extra aus Deutschland angereist sei, um etwas zu erfahren. Der Regisseur wischt den Einwand beiseite. "Das letzte Mal bin ich nach Deutschland gereist, um diesen verdammten Film zu drehen."  Mehr Heiterkeit am Frühstückstisch. Der verdammte Film ist Antichrist  - Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe und ein Fuchs, der sprechen kann und den Satz sagt: Chaos reigns. Eine Katastrophe für Bedeutungssucher. Weh dem, der Symbole sieht! - Weiter Pressekonferenz. Mit blöder Frage. Wie sein nächster Film denn aussehen wird, will einer wissen. Lars von Trier: "Scheiße. Ich hoffe zumindest, dass er etwas beschissener aussieht als der, den ich zuvor gemacht habe." "Shittier" sagt er im Original. Ein großer Erklärer seiner Filme war der Däne nie. -  Ausgelassenes Gelächter am Frühstückstisch. Nicht wegen der Antwort Lars von Triers, sondern wegen dem lakonischen Nachsatz. Aus Trollhättan berichtet Mariam Schaghaghi.  Für mehr Eindrücke vom Set bitte ihren Artikel lesen und dann unbedingt die Fotos angucken: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Charlotte Rampling, Kiefer Sutherland, und Udo Kier ist auch mal wieder dabei. – Meine Redensart “kleiner parfümierter Brief”, mit der ich immer so ein Geziere um meinen Liebesbrief an die Tess mache (Warum? Wir werden es bald sehen), diese Redensart kommt übrigens von Lars von Trier. In einem Interview zu Dancer in the Dark (2000), hat er erzählt, dass er eines Tages einen kleinen parfümierten Brief von Catherine Deneuve bekommen hat. In dem stand, dass sie in einigen Filmen mitgewirkt hat und dass sie eine große Verehrerin seiner Arbeit ist und sehr gerne in einem seiner nächsten Filme mitspielen würde. Darauf hat er sie engagiert für die Rolle der Kollegin von Björk in der Fabrik, in der Björk in dem Film arbeitet, an einer Stanzmaschine.  Das Zitat von gestern mit Anfang, Mitte und Ende einer Geschichte, aber nicht zwingend in dieser Reihenfolge, das ist nicht von Lars von Trier. Das ist von Jean-Luc Godard. Womit diese noch offene Frage auch beantwortet ist. Alle noch offenen Fragen werden beantwortet werden. Als nächstes die Frage, welche Website ich morgens als erste aufrufe, noch bevor ich SPON anklicke. Peinliche, sehr peinliche Enthüllung! Und irgendwann fällt mir bestimmt auch noch mal ein Dreh ein, um über mein Abendessen zu schreiben.

Sonntag, 8. August 2010

continuity

Der gute Tag gestern. Erst Brigitte; die hat erzählt von den Kleidern der Königin Luise, über die sie gerade geschrieben hat; ihr Artikel am Dienstag in der taz. Kurz danach Bettina mit Tochter, die bis auf die pinken Sandalen ganz in Lila gekleidet war und auch so drauf: in sich gekehrt, verträumt; während ich mit Bettina sprach, sucht sie Geborgenheit auf dem Arm ihrer Mutter und schmiegt sich an ihren Hals. Und am Nachmittag in Charlottenburg Inge; beim Weggehen habe ich zu ihr gesagt: so was machen wir jetzt öfter und wir nennen das unseren Mädelsnachmittag. Wenig später hat es jemand geschafft, mir die gute Laune zu verderben. Nicht die Tess.  Und das war auch nicht der Grund, warum ich nicht über das Gute des Tages geschrieben habe. Erst wollte ich, doch es hat nicht funktioniert. Warum sollte ich das Gute nacherzählen, das ich erlebt habe? Reicht doch, es gehabt zu haben. Deshalb den Abschiedsgedanken an die Tess vom Morgen gepostet. Weil ich ihn hatte, und um mich auf den großen Abschied zu zu bewegen, wenn ich meine Geschichte mit der Tess erzähle. Wenn ich nur schon wüsste wie?  - Nacherzählen? Das und dann und dann doch wieder anders, aber weshalb, und wie dann noch mal ganz anders? – Das kann es nicht sein. Um den Lesern eine Vorstellung zu geben davon, wie wenig war und dass es doch viel mehr war als eine Illusion, dazu reicht es, wenn ich den Brief wiedergebe, den ich hier schon mehrmals erwähnt habe. Der fasst zusammen die Zeit von Januar bis November letzten Jahres und er leitet ein das Gegenüber-Szenario. Das wiederum ist dokumentiert in meinem (fast) täglichen Schreiben an sie, das von da an begann. Will ich mich darauf wirklich einlassen? Mit was für einem Plan soll ich mich damit beschäftigen? Etwas herausfinden? Das Gegenüber-Szenario entwirren? Vielleicht doch noch mit Hilfe der Tess? Wenn nicht, vielleicht mit Hilfe des Professors? Oder vielleicht mit Hilfe der kommunikativen Andrea Mulder?  Oder mit Hilfe der Leser und ihren Fragen und Kommentaren, die sie dann endlich mal schreiben werden? Oder einfach nur mich betrachten darin? Mir anschauen den, der ich da war - der ich geworden bin für die Tess (und auch für mich)? - Ich werde es in den nächsten Tagen alles noch mal lesen, was ich an sie geschrieben habe – und dann werde ich mir überlegen, was ich damit machen kann. – Außerdem gibt es noch die beiden Vorgeschichten, die schon erwähnten. Die mit dem Professor, die eine Nachbarschaftsgeschichte ist, eine alberne, witzige eigentlich, die aber dadurch, dass die Tess ins Spiel kam, eine Bedeutung gekriegt hat - eine Bedeutung, die ich ihr gegeben habe. Während in der Cinderella 0-Vorgeschichte lebhaft vorstellbar wird, wer ich war und wie ich war, als ich kurz darauf der Tess begegnet bin. In der Vorgeschichte mit dem Professor geht es um Sex. In der Vorgeschichte mit Cinderella 0 geht es um Geld. Die Vorgeschichte mit dem Professor wird erst “akut”  im Gegenüber-Szenario. Die Cinderella 0-Geschichte hingegen müsste ganz am Anfang stehen. Was aber auch eine  Zwangsvorstellung ist (denn: Eine Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. – Wer hat das gesagt? - Taewoo weiß es.).  - Und sonst heute?  - Bis auf die zwei Kugeln Eis in der Waffel, Schokolade und Vanille, nichts Gutes. Und auch der Text hier wird nichts mehr werden. Geschrieben nur wegen der Kontinuität, aus dem Gefühl heraus, wenn ich heute nicht weitermache, dann ist es aus mit dem Blog.  Der Blog ist hervor gegangen aus dem Schreiben an die Tess. Ich habe es immer so gesehen, dass es auch ihr Blog ist. Wenn es mit der Tess vorbei ist, ist der Blog vorbei, habe ich immer gedacht, ohne es für möglich zu halten, dass das je passieren könnte.

Samstag, 7. August 2010

weg

Heute Morgen die  Frage, ob die Tess noch da ist oder tatsächlich abgereist. Gefühl dabei? – Keins. Denn erstens: Ich weiß es, dass sie noch da ist. Zweitens: Es macht keinen Unterschied, ob sie sich derzeit in der Wohnung auf der anderen Straßenseite aufhält oder viele Flugstunden entfernt in Palo Alto oder Ohio oder sonst wo. Weil da oder dort, sie ist gleich weit weg. Und im Moment macht mich das nicht mal melancholisch. Es ist einfach so. -   Und sonst? – War ich heute auch mal weg. Das war gut.

Freitag, 6. August 2010

Bericht

Gestern Abend, das war so: Text mit dem Titel "Ruven". Die Lyrik mit dem Erschießungskommando. Teil 2 sollte sein: Beobachtung vom Morgen. Der Professor auf dem Weg Richtung U-Bahn. Hellgrauer Anzug, gebügeltes weißes Hemd, leuchtend rote Krawatte, Rucksack. Und Beobachtungen, die ich gemacht hatte in der Wohnung gegenüber. Beobachtungen am Rande. Denn schon die ganze Woche bemühe ich mich, meist erfolgreich, das Gegenüber-Szenario nicht stattfinden zu lassen, indem ich es ignoriere; so wie ich auch nicht mehr an die Tess schreibe. Nun hatte ich die Beobachtungen aber mal gemacht. Sie gehörten zum Tag, also auch in den Blog. Was ich gegenüber gesehen hatte, konnte ich allerdings auch so lesen, dass die Tess will, dass ich sie anrufe. So habe ich es mir dann auch eingebildet und dazu habe ich mir eingebildet, dass das ein Erfolg meines Nichtschreibens an sie ist, dass sie jetzt will, dass ich sie anrufe. Für den Blog war es außerdem besser, was zu tun, anstatt Beobachtungen zu erzählen. Also Anruf. Am Telefon (ach, doch nicht verreist) Professor: XY. – Hallo, Herr XY. Wolfgang Gensheimer. Kann ich bitte mal Ihre Frau oder Ihre Freundin sprechen? – Ja. (Ruf in den Raum) Telefon! Wolfgang Gensheimer. – Es meldet sich (Name wegen Diskretion erfunden): Andrea Mulder. – Ich: Wolfgang Gensheimer. Wissen Sie, wer ich bin? – Sie: Nein. – Ich: Ich bin der Mann, der Ihnen schreibt. – Sie: Ich habe aber keine Briefe von Ihnen bekommen.  – Ich: Dann wird es jetzt kompliziert … . –  Wurde es aber gar nicht. Vom ersten Ton von Andrea Mulder an, war mir klar, dass sie nicht Tess ist, deshalb habe ich sie auch reflexartig mit Sie angeredet. Meinen weiteren Text habe ich nur noch gesagt, weil mein Verstand nicht so schnell ist wie meine Intuition und ich mir ganz sicher sein wollte, dass sie nicht Tess ist. Das war ich dann spätestens nach ihrem zweiten Satz. Als unzweifelhaft war, dass das kein amerikanischer, sondern ein leichter süddeutscher Akzent ist, den sie hat. Und über diese von mir ausgesprochene Erkenntnis kamen wir dann ins Gespräch. Dabei war sie sehr aufgeschlossen, sehr kommunikativ.  Sie ist die Frau von Herrn XY, hat sie mir erklärt. Sie haben neben ihrer Wohnung noch diese kleine Wohnung auf der Etage (Contessa-Zimmer). Die vermieten sie an amerikanische Studentinnen, die sie vermittelt bekommen über eine Institution, Name vergessen. Die letzte Studentin, die da wohnte, ist ein halbes Jahr da gewesen und jetzt weg. Wenn ich ihr schreiben, wenn ich Kontakt mit ihr aufnehmen möchte, wenn es etwas weiter zu leiten gibt von mir an sie, dann können "wir" das gerne tun. Und ja, kein Problem, wenn ich weitere Fragen habe, kann ich sie gerne noch mal anrufen. Allerdings, so lange ist sie nicht mehr da. Sie muss ja dann auch mal wieder zurück nach London. - Das mit London musste sie mir nicht weiter erklären. Das hatte ich mal recherchiert. Eine Andrea Mulder, Dr. Andrea Mulder, arbeitet da und da und das und das in London. Klar war nur nicht, dass die Frau, die früher in der Wohnung gegenüber  wohnte und immer mal wieder auftaucht und mit der ich nun redete, die Andrea Mulder ist, die auf dem Klingelbrett steht und auf dem Anrufbeantworter genannt wird. Dass Andrea Mulder also nicht die Frau ist, die ich Tess nenne. Was ich auch nie so recht glauben wollte, zum Schluss aber doch annahm, ohne ganz davon überzeugt zu sein, und deshalb zum Glück die Tess auch nie so angeredet habe, wenn ich an sie schrieb. - Letzten Endes war nichts in diesem Telefongespräch wirklich überraschend. Außer, wie verständnisvoll Frau Mulder war mir gegenüber und: dass sie sich als Frau vom Professor bezeichnete. Was alles heißen kann und in jedem Fall bedeutet, dass die Tess nicht die Frau vom Professor ist, sondern allenfalls seine Freundin oder Geliebte ist oder war, denn sie ist ja nun weg. Wenn es stimmt, dass sie weg ist. Die Frau, die ein halbes Jahr da gewohnt hat, obwohl ich sie schon seit mehr als einem Jahr da drüben sehe. Mir eingebildet habe, sie zu sehen? Sie verwechselt habe? Mit wem? Mir alles nur eingebildet habe?  - Auch das keine Überraschung. Denn Verwirrung gehört nun mal zu dieser Geschichte wie der Zauber zur Tess. Und trotzdem war ich nach dem Gespräch völlig benommen. Die gleiche Fassungslosigkeit wie damals, als ich mit meinem Brief an die Tess so dumm dagestanden habe. Und dabei: das sichere Gefühl, manipuliert worden zu sein. In etwas hinein gelaufen zu sein, das auf mich gewartet hat. Wiedererkennen eines Stils. Einführung in die Politikwissenschaft. Gut gemacht. Aber richtig gut gemacht ist es es nur, wenn man es nicht merkt. Inszenierung. Falle. Deshalb gestern der unglücklich gewählte Ausdruck Inszenierungsfalle; Falle hätte gereicht. War es eine? Weiß ich nicht. Bin nicht reingetappt. Es gibt “unumstößliche Wahrnehmungen”, weiterer unglücklich gewählter Ausdruck.  Gemeint: Fixpunkte von Tatsächlichem, selbst im Gegenüber-Szenario hat es die gegeben und davor sowieso.  An die halte ich mich, wenn ich nächste  Woche beginne, die ganze Geschichte der Tess zu erzählen.

Donnerstag, 5. August 2010

Ruven

Traurige Sommertage. Unbekannter Herr in der Umkleide des Hallenbades erklärt uns, dass das an der Hitze in Russland liegt. Deshalb kommen Luftströmungen aus dem kühlen Norden zu uns und die Heißluftströme aus Südeuropa und Afrika nicht zu uns her. Er hat lange in der Landwirtschaft gearbeitet; da lernt man die Wetterkarte zu lesen. Der verschmitzte Herr und ich, wir danken für die Unterrichtung und es friert uns alleine schon bei dem Gedanken, dass ab nächsten Montag das Hallenbad am Heidelberger Platz für vier Wochen geschlossen sein wird und wir dann ins Freibad müssen. Ruven war heute nicht da, weil seine Tochter das Auto hat. Ruven ist der lettische Herr. Wir sind mittlerweile beim Du. Wir haben uns allerdings noch nicht mit Vornamen angesprochen. Dass er Ruven heißt, weiß ich vom kleinen Herrn. Der war 14, als der Krieg vorbei war und hat eineinhalb Jahre Russisch gelernt in der Schule, bevor er von der sowjetischen in die englische Besatzungszone umgezogen ist. Mit Ruven spricht er Brocken-Russisch; spasibo heißt Danke. Ruven ist 1936 geboren. Er fragt mich, wann ich geboren bin. Ich sage, 1952. Da sagt er: also nach dem Krieg. Ich sage, glücklicherweise. Er sagt, 1954 hat er Abitur gemacht. Ruven würde ich am liebsten mitnehmen und immer beschützen, und dazu würde ich ihm als erstes seinen beängstigend dicken Bauch wegtrainieren. Ich lenke ab. Das ist heute schon der zweite Text, der nichts zu werden droht, weil ich ablenke. Den ersten Text habe ich beim Schwimmen entworfen und heute Nachmittag geschrieben. Es ging darin weiter um Verachtung. Der Text kommt morgen oder nie. Im Augenblick ist es so, dass ich am liebsten 1936 im Frühlicht eines Tages, der einer der heißesten des Jahres sein wird, in Moskau vor einem Erschießungskommando stehen würde, und bevor die Männer in den Uniformen  abdrücken, die Augen schließen und lächelnd an eine Liebe denken, die sich nie erfüllt hat. Ende des ersten Teils. - Nach einer kurzen Pause geht es weiter oder nicht. - Zweiter Teil: Es geht nicht weiter. Weil jetzt muss ich erst mal ganz lange nachdenken. Ich habe nämlich in der Pause die Tess angerufen. Und dieses Mal hat tatsächlich jemand abgenommen und ich habe ein richtiges Gespräch geführt, nachdem der Mann von der Tess mir auf meine Bitte seine "Frau oder Freundin" gegeben hat, wie ich es formulierte. Was dabei heraus kam, morgen. Wenn ich meine Eindrücke sortiert haben werde. Stand von jetzt ist: Entweder ich bin verrückt oder in eine Inszenierungsfalle gelaufen, gegen die ein Erschießungskommando - nein, so geht das nicht, ich belasse es bei Inszenierungsfalle. Aber immerhin, es wurde geredet. Es kann bestimmt auch weiter geredet werden, wenn ich noch Fragen haben sollte. Das ist schon mal ein Riesenfortschritt und lässt den Sommer schon wieder viel freundlicher aussehen. Wenn ich auch nicht mit Tess geredet habe. Weil es keine Tess gibt, so zumindest der eben im Telefongespräch erweckte Eindruck. (6-08-10: "Inszenierungsfalle" ist ein Sprachunfall. Gemeint habe ich "inszenierte Falle". Aber ist eine Falle nicht immer inszeniert? - Wegen Authentizität lasse ich den Text so wie er ist.)