Dienstag, 28. Dezember 2010

Timing

Immer muss ich denken, denken, denken. Kubrick, The Shining. Jack Nicholson, der Tausende Male geschrieben hat den Satz: All work and no playing makes Jack a dull boy. Während Lily Tomlin als seine Frau dachte, er schreibt einen Roman, aber dann entdeckt sie eines Tages, dass er immer nur diesen einen Satz geschrieben hat. Tausende Male. Und da wird ihr klar, dass Jack wahnsinnig geworden ist. – So weit ist es bei mir noch nicht und wird es auch nicht kommen. Vorher steige ich aus meinen Plots aus. Dem Unbehagen bereitenden, beklemmenden Schlub-Plot und, wenn es gar nicht anders geht, auch aus dem Tess-Liebesabenteuer, dem wieder einmal sehr verwirrenden - könnte ich denken, dass es das ist, wenn ich das alles nicht schon in zahlreichen Variationen vorher erlebt hätte. Wie zum Beispiel im Sommer einmal, als ich so massiv wurde in meinem Wunsch: Komm, Tess, lass uns heute Abend ein Eis essen gehen. Heute Abend oder nie. Und kurz darauf, ist mir der Professor erschienen im Wohnzimmer auf der anderen Straßenseite und hat mir seine Präsenz gezeigt. Von wegen Eis essen mit der Tess. Ich bin da. Hier bin ich. Vergiss es. – Mir erschienen mit einer Präzision des Timings wie auch schon bei anderen Gelegenheiten, bei denen ich mich immer wieder gefragt habe, woher weiß der das, dass ich jetzt gerade ins hintere Zimmer gehe, um meinen Router auszuschalten, oder dass ich gerade vom Schwimmen zurück komme und mit dem Fahrrad vor dem Haus vorfahre. Oder woher wusste er das heute Nachmittag, dass ich im Begriff bin, das Haus zu verlassen, vorher wie immer in meinem Briefkasten nach der Post schaue, im hereinfallenden Tageslicht an der Haustür die Post öffne und lese und dabei über den Brief hinweg zur Haustür gegenüber schauen kann, wo der Professor nur noch heraus kommen muss, langsam weggehen und sich vergewissern, dass ich ihn auch wahrgenommen habe, und schon ist die Botschaft angekommen: Ich bin da. Vergiss es, was du der Tess gestern Abend geschrieben hast, dass es jetzt endlich klappen muss mit einem Treffen. Weil ich bin d a ! Oder auch: I c h bin da. Und du schreib mal weiter von deinem Vögelchen, das man fliegen lassen soll. Und deinen beleidigenden Ton kannst du dir in Zukunft auch sparen. Einer wie ich hat kein Lieblingssofakissen. Also gibt es auch nichts zum Draufsticken. – Anders formuliert: Das hat ja mal wieder hervorragend geklappt. Gestern Abend mache ich der Tess Druck. Ich will, dass wir uns treffen in den nächsten Tagen. Innerhalb der nächsten sieben Tage. Sonst lassen wir es ein für alle Mal. Ultimatum. Lächerlich. Ich weiß. Trotzdem: Ich kann nicht ewig so weiter machen. Möglicherweise alles nur eine Illusion. Scheinwelt. Da lasse ich mir lieber gleich einen Termin geben bei Dr. Woolf am Sawtelle Boulevard, bei dem es bestimmt freie Termine gibt, nachdem er Clay nicht mehr weiterbehandeln will. Nein, keine Scheinwelt. Keine Illusionen mehr. Deshalb, Tess, Treffen innerhalb der nächsten sieben Tage oder du hast nur in unserem Blog mitspielen wollen. Das hast du gehabt. Genug. Ich finde mich damit ab, dass das nichts wird mit uns, und gebe auf. Punkt 1. Punkt 2: Prompte Antwort heute Nachmittag. Der Professor zeigt mir, dass er da ist. Also nichts mit Treffen in den nächsten sieben Tagen. Vergiss dein Ultimatum. Halte still. Sei brav. Sei ein lieber Verehrer aus der Ferne. Womit wir bei Punkt 3 sind. Grüblerische Frage, die bei aller Freude über das Klappen der Kommunikation gestellt werden muss. Mal vom Professor aus gesehen: Ich stelle Ultimatum. Das läuft ab. Ich halte mich daran. Ich finde mich ab. Ich gebe auf. Er hat mich los. – Alles, was der Professor dabei zu tun hat, ist abzuwarten, ob ich mich auch wirklich an meine Drohung halte. Da ist es doch völlig egal, ob ich weiß, dass er da ist und die Tess deshalb sich nicht mit mir treffen kann oder ob ich glaube, dass er zur Zeit weg ist. Was ich tatsächlich geglaubt habe in den letzten Tagen , und deshalb bin ich so drängend gewesen gestern Abend: Hey, dein Freund ist weg; also warum treffen wir uns nicht endlich? – Nach dem Aufwachen heute Morgen habe ich dann allerdings erwogen, dass ich mich auch täuschen könnte und überzogen habe gestern. Aber das ist nicht wichtig. Die Frage ist: Warum macht sich der Professor diese Mühe, mir zu zeigen, er ist da, um damit zu signalisieren: weil ich da bin,  kann die Tess nicht so, wie du dir das vorstellst; wo er doch nur abwarten muss, bis ich mich abfinde und aufgebe? – Macht er das auf der Tess ihr Geheiß? Weil sie nicht will, dass ich aufgebe? Weil sie weiter mit mir Lost in a romance spielen will, nur nicht mich treffen, weil einen Freund hat sie schon? – Dann müsste die Tess eine Vereinbarung haben mit dem Professor, dass sie dieses Spiel mit mir spielen darf. Und obendrein würde der Professor ihr dabei helfen, das Spiel so zu spielen, dass es auch ein Spiel bleibt – indem er mir, wenn nötig, zeigt: Ich bin da. Bis hierher und nicht weiter. Es ist ein Spiel. Mehr nicht. – Was habe ich jetzt dazu gelernt? – Nichts. Das habe ich alles schon mal gedacht. Das steht auch schon mal irgendwo im Blog. – Nachdem er sich mir gezeigt hatte vor der Haustür, ist der Professor in die Apotheke gegangen. Gehörte das mit zur Botschaft? – Ist die Tess vielleicht krank, habe ich mich dann gleich gefragt. Sie wird doch nicht krank sein! Oder – ich gebe das jetzt mal zu, dass ich das auch noch gedacht habe: Oder ist sie schwanger und hat eine komplizierte Schwangerschaft? Ist sie deshalb ständig zu Hause, muss vielleicht viel liegen? – Wie komme ich auf schwanger? – Weil ich vor ein paar Wochen mal gesehen habe, wie sie vor dem Spiegel stand im Contessa-Zimmer und sich mit der Hand über den Bauch gestrichen hat. Der war damals noch flach. Das kann sich inzwischen geändert haben. Und am Ende war ich es, der beim Zustandekommen dieser Schwangerschaft mitgeholfen hat. In der Rolle des Rivalen, mit dem sie dem Professor Druck gemacht hat, bis er ihr den Kinderwunsch von den Augen abgelesen hat.– Würde mich das freuen? Für die Tess? – Das entscheide ich, wenn ich mehr weiß. Endlich weiß, was für ein Spiel wir spielen, Tess! – Schau mal, wie gut das heute wieder geklappt hat mit der Kommunikation. Das können wir doch noch verfeinern, um ein paar wichtige Details zu klären. Meinetwegen auch zusammen mit dem Professor. Es ist amüsant, mit mir zu reden. Wenn es schwierig wird, fällt mir mit Sicherheit irgendeine Szene aus einen Film ein und gleich geht es wieder munter weiter. – Und was mache ich jetzt mit meinem Ultimatum? - Ich würde mal sagen – das läuft! Sieben Tage. Seit gestern. Wenn es sein muss, kann ich immer noch in letzter Minute die Spielregeln ändern. - Es könnte allerdings auch sein, dass der Professor liest, was ich der Tess schreibe. Gegen ihren Willen. Dann würde er unabhängig von ihr agieren. Dann … ist das vielleicht so einfach, dass ich es mir gar nicht vorstellen kann. Dann ist das vielleicht alles gar kein Spiel für die Tess. Dann sollte ich endlich mal aufhören immer nur zu denken, denken, denken und der ganzen Geschichte endlich mal – es lässt sich nicht weniger platt sagen – auf den Grund gehen. - Es könnte allerdings auch sein, dass es noch einfacher ist. Dazu mehr, wenn ich mehr weiß. Über mich.