Samstag, 2. April 2011

April

Frühling Tag 13. Der Mensch im Frühling bin heute ich. Staub gewischt. Meinen Schreibladen aufgeräumt. Erste Überraschung: Endlich passt alles zusammen, endlich ist alles an seinem Platz. – Draußen. Ein Junge im weißen T-Shirt und kurzen Hosen. So warm ist es heute. Zweite Überraschung: Was habe ich auf einmal für einen Ton? So habe ich noch nie geredet mit den Leuten. Zu früh, um den Ton zu beschreiben. Wenn er bleibt, kann ich mich freuen und alle, die mit mir zu tun haben, auch. – Wer möchte an so einem Frühlingstag in der Vergangenheit leben? – Erboste Mail von Peter. Reaktion auf mein Posting von gestern und auf das, was ich ihm gesagt habe abends am Telefon. Als er wieder anfing, mir zu erklären, wie schön das ist mit der Vergangenheit. Da noch mein alter Ton. Gepresst, grimmig, aufgeregt, scharf. Botschaft: Peter, ich kann es nicht mehr hören. Deine Geschichten von früher nicht und die Rechtfertigungen, warum es so schön ist in der Vergangenheit zu leben, gleich gar nicht. Es gibt so viel anderes, über das wir reden können. Aber jetzt lass uns eine Pause machen. Lass uns aufhören damit, täglich zu telefonieren. Ich rufe dich an, wenn du mir fehlst. Und du ruf an, wenn du mich brauchst. Ich bin weiter dein guter Freund. – Bin ich. Bleibe ich. Fällt ihm jetzt nur schwer, mir das zu glauben. Enttäuschung. Verbitterung. Wolfgang, manchmal bist du wirklich ein Depp, trotz deiner zur Schau gestellten Klugscheißerei. Als ob 3000 Meter schwimmen besser wäre, als mit Menschen zu tun zu haben, denen man vertraut (…). – So war das mit den 3000 Metern nicht gemeint, Peter. Das war Selbstironie. Und wenn ich tatsächlich 3000 Meter schwimme, dann nicht, weil es besser ist als etwas anderes, sondern um das Beste zu machen aus meiner Not. – Kümmere dich weiter um alle Kassiererinnen von Lidl und Aldi oder um Nachbarinnen, die auch nichts mit dir anfangen können. Hauptsache du hast recht und kannst darüber schreiben. (…) Fazit, und da ist er nicht der Erste, der mir das sagt: mein Leben gefällt ihm nicht. Glücklichsein sieht anders aus und das Leben geht unaufhaltsam vorüber. – Ja nun. Was soll ich machen? Es ihm jetzt zeigen? Keine Kassiererinnen mehr? – Von wegen! Jetzt gerade! Jetzt noch mehr Supermarkt-Geschichten. Das ist mein Markenzeichen. – Und die Nachbarinnen? – Da ist was dran. Die Nachbarinnen ziehen unaufhaltsam vorüber. Wie das Leben. – Mal gespannt, was ich nachher mache. Darüber hinweg gehen, wie es meine Art ist? Oder ihn anrufen und ihn überraschen mit meinem neuen Ton.

Von gestern noch: Ich habe niemanden in den April geschickt und mit mir hat das auch niemand versucht. Am nächsten kam dem noch der Auftritt zweier Bettler auf der Akazienstraße. Den einen sehe ich von der Hauptstraße kommend auf dem rechten Bürgersteig. Er geht an Krücken, der rechte Fuß scheint verkrüppelt, verdreht, nach innen gebogen, so dass der Mann nicht die Sohle aufsetzen kann, sondern über den Außenrist geht. Dafür geeignetes orthopädisches Schuhwerk hat er nicht; er trägt Adidas-Schuhe und spricht gerade Leute an, die an einem Tisch vor der Creperie sitzen. Sie ignorieren ihn und deshalb wendet er sich nun mit schmerzverzerrtem Gesicht und klagender Stimme an mich. Ich gebe ihm nichts. Keine Sekunde erwäge ich es und denke hinterher auch nicht darüber nach, warum ich ihm nichts gegeben habe. Bis ich an der Ampel Ecke Beltziger auf die andere Straßenseite wechsle und dort einen Mann sehe, der am Stock geht – gebeugt wäre eine Untertreibung. Sein Oberkörper befindet sich in der Waagrechten. Wie bei einer alten Frau mit langer krummer Nase und großer Warze drauf in einem Bilderwitz. Der Mann bettelt gerade andere Passanten an, als ich vorbeigehe. Dabei sehe ich in sein Gesicht. Und das ist nicht das Gesicht eines Mannes mit einer solchen Behinderung. Dazu ist es zu entspannt, zu glatt, zu heiter. Mitte 40 ist der Mann. Betteln ist sein Beruf. Sein Einsatz ist artistisch. Der Auftritt ist nicht ohne Witz, auf jeden Fall nicht so penetrant wie der Auftritt seines über den Rist gehenden Kollegen auf der anderen Straßenseite, dem zuzusehen weh tut. Selbst dann noch, wenn man sich vorstellt, wie wohltuend es für ihn sein muss, wenn er am Ende des Tages nach getaner Arbeit wieder normal gehen kann. – Das sind Profis. Wenn die mit ihrer Nummer nicht Erfolg hätten, würden sie das nicht machen. Ob es Schulen gibt, wo man so etwas lernt? Und ob die junge Bettlerin, die große dünne blonde Frau, die immer wie frisch gewaschen aussieht, ob die so eine Art Vorhut war? Sie hat das Terrain sondiert und vorbereitet, indem sie die Leute in der Akazienstraße auf ihre unscheinbare Art an die Gegenwart von Bettlern gewöhnt hat. Erst kam sie und jetzt kommen die Meisterbettler. Denke ich, denke wahrscheinlich mal wieder zu viel und freue mich, dass es doch noch so etwas wie einen Aprilscherz gegeben hat und ich nicht darauf reingefallen bin.