Samstag, 18. August 2012

Ausgeschnitten



Wie viel zum Ausdruck gebracht werden kann nur mit der Wahl des Bildausschnitts, der Kadrierung - und mit der Großaufnahme, die so entsteht. Und wie auch Allereinfachstes und scheinbar Banales durch das Nah-Rangehen zurückgewonnen wird als Gegenstand der Aufmerksamkeit und - komm, sag´s - der ästhetischen Betrachtung.


Nein, das mit der ästhetischen Betrachtung habe ich nicht gesagt. Ich war auch so schon nah genug dran am Katalogsprech, als ich Milena Tsochkova erzählt habe, wie ich am Morgen im Internet zum ersten Mal Arbeiten von ihr gesehen habe und wie begeistert ich bin von ihren Bildern und dass ich das beim Schreiben auch versuche, was sie in ihrer Malerei macht. Dass ich einstweilen jedoch nur davon träumen kann, das so pur hinzukriegen wie sie. Da hat Milena sich erst mal bedankt für meine überschwängliche Lobrede, sie hat bestätigt, dass sie das tatsächlich überlegt und gezielt macht: gestalten über die Kadrierung, und dann meinte sie nur trocken: In Bremen bin ich berühmt dafür.


In Bremen lebt sie seit 2004, dort hat sie vor einem Jahr ihren Meisterschülerabschluss gemacht. Mit der Serie von Arbeiten, die wir in der ersten Abteilung der Ausstellung sehen. Was sie dort zeigt: Verletzbarkeit, Schmerz, Isolation, das sei also nicht eine Obsession von ihr oder sonstwie autobiografisch. Das sei einfach nur das Thema ihrer Abschlussarbeit gewesen. - Selbst gestelltes Thema? - Ja. - Na dann muss es ja schon aus ihr gekommen sein, denke ich. Während sie nun versichert, dass sie im Alltagsleben viel lacht und auch sehr verspielt sein kann. 



Andreas Kuhn hat in Bremen eine Ausstellung von Milena gesehen und da war für ihn klar: Die hole ich nach Berlin. Im September will er sie mit drei anderen Künstlern auf der  Berlin Preview  präsentieren. Und zwei weitere Ausstellungen mit ihr plant er auch schon. In Baden-Württemberg (Stadt vergessen) und in Mailand. - Mailand? - Er hat eine Kooperation mit einer Galerie dort. Ein Mal im Jahr stellen die Mailänder bei ihm in Berlin aus und ein Mal er bei denen.


Als sie die jetzige Ausstellung verabredet hat, da war sie noch nicht einmal schwanger, erzählt sie. Inzwischen hat sie einen sieben Wochen alten Sohn, der so gutaussehend ist wie seine Mutter und von seinem Vater betreut wird, während Milena bei ihrer Vernissage Präsenz zeigt.


Ohne ihn könnte ich das gar nicht machen, sagt sie mit dankbarem Blick zum Kindsvater. Ohne ihn hätte sie das Kind aber auch nicht gekriegt, denke ich in meiner pingeligen Art. Aus Diskretion, die ich mir selbst nicht erklären kann, habe ich nicht gefragt, wie der Junge heißt, und ich bin gar nicht erst auf die Idee gekommen, ihn zu fotografieren. Was sehr schade ist, denn er ist wirklich ein ungewöhnlich gutaussehender Säugling.








- Der Mensch -
Ausstellung bis 15. September 2012

Pohlstraße 71 
10785 Berlin 





Kunst:  © Milena Tsochkova
Fotos: © w.g.